Art-o-Gramm: Picasso – Der Künstler, das Leben und die Liebe – Szene 6

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Picassos Leben und seine Lieben – besonders in Bezug auf Picassos Verhältnis mit und zu Frauen ein endloses Thema, zu dem sich ernsthafte Kunstwissenschaftler und aufgeregte Feministinnen, empörte Kleinbürger und fantasiereiche Kochbuchautoren, verwirrte Sozialwissenschaftler und neidische Boulevardjournalisten aus wohl jedem denkbaren Blickwinkel erschöpfend geäußert haben.

Des Künstlers Lifestyle und seine Beziehungen zu Frauen wurden also bereits gründlich genug seziert, und so wichtig ist es wohl nicht, wer mit wem warum und wann welches Bettchen teilt. Dennoch kommt eine Gesamtbetrachtung Picassos nicht ganz darum herum, einen Blick auf seinen Lifestyle und seine Liebe(n) zu werfen – beide sind Puzzleteile der “Person Picassos”, beide haben auch seine Kunst beeinflusst.

Deshalb folgt eine Skizze in 7 Szenen über die private Seite des Künstlers – ein intensiv gelebtes Leben.

Szene 6: Es geht auch anders

Acht Jahre Streit um einen Mann – geführt von einer nach Überlieferungen eher sanften Marie–Thérèse Walter und einer Dora Maar, von der das entschiedene Gegenteil behauptet wird – ermüden diesen Mann wahrscheinlich mehr, als er zugeben möchte, selbst wenn er insgeheim geschmeichelt ist. Vielleicht wird dem Mann, um den sich die Geliebten verzehren, zwischendurch das Drama auch einfach mal ein wenig langweilig?

Auf jeden Fall hat Picasso schließlich dieses Spiel ohne Gewinner beendet, ganz picasso-like, indem er sich der nächsten Frau zuwandte. Während zwei sich noch stritten, freute sich die dritte – und Picasso auch erstmal, weil er noch nicht ahnen konnte, dass er diesmal nicht der Übermächtige in der Beziehung sein würde.

Das wird in Picasso übrigens in seinen meisten Beziehungen ebenso unterstellt wie seine Tendenz, eine Übermacht haben zu wollen, es hat wohl noch niemand gefragt, ob Picasso nicht am liebsten einfach mit einer Frau zusammenleben wollte, die ihm rundum gewachsen war. Wie dem auch sein, in Francoise Gilot hatte er diese Frau gefunden, wie sich herausstellen wird:

Picasso - Der Künstler, das Leben und die Liebe (Szene 6)

Picasso – Der Künstler, das Leben und die Liebe (Szene 6)

1943 (1946) – 1953 Francoise Gilot – Die Frau, die Picasso überlebt

Die Malerin Francoise Gilot lernte Picasso im Alter von 21 Jahren kennen, im Umfeld ihrer ersten erfolgreichen Ausstellung. Das war im Mai 1943, Picasso war damals 61 Jahre alt und auf der Höhe seines Ruhms und seiner Erfahrung. Für die werdende Malerin, die sich für das Leben als Künstlerin gerade mit ihrer Familie entzweit hatte, ein Mann mit erheblicher Anziehungskraft.

Irgendwann zwischen 1943 und 1946 werden sie jedenfalls ein Paar, Picasso trennte sich für Francoise Gilot von Dora Maar. Francoise Gilot ist auch irgendwann in dieser Zeit mit ihm zusammengezogen, bzw. sie hat ihn auf seinen Reisen begleitet. Picasso saß vom Beginn der deutschen Besetzung 1940 bis zur Befreiung der Stadt am 25. August 1944 im seinem auch als Wohnung genutzten Atelier mit Ausstellungsverbot in Paris fest, er wollte nun reisen.

Häufig war Südfrankreich das Ziel, wo Picassos Freund und enger Vertrauter Henry Matisse sich aufhielt, ab 1948 lebten beide in der Villa „La Galloise“ in Vallauris, Südfrankreich. Es gibt ein legendäres Strandbild aus diesem Jahr (und nicht, wie unten im Link angegeben, von 1951): Francoise steht lachend am Strand von Golfe-Juan, der ebenfalls gut gelaunte Picasso folgt ihr und hält schützend einen Sonnenschirm über sie, als dritte sichtlich den Strand und den Sommer genießende Gestalt nähert sich im Hintergrund Javier Vilato, Picassos Neffe (Sohn von Picassos Schwester Dolores).

Fotografiert wurde diese vergnügte Szene vom eigentlich als Kriegsfotograf unvergessenen Robert Capa, der auch ein überaus begabter Fotograf von Menschen und ihrem Verhalten war.

Picasso hat auch Francoise Gilot zum Thema unzähliger Bilder gemacht, ähnlich vielfältig wie Dora Maar, aber insgesamt heller, freundlicher. Das zeigen vor allem die Bilder “Woman-flower” von 1946 und eine ungleich entspanntere und vergnügtere “Femme dans un fauteuil (Françoise Gilot)” von 1946, als selbst die geliebte, zarte Eva Gouel von Picasso dargestellt wurde.

Nachdem Francoise Gilot 1947 Sohn Claude und 1949 Tochter Paloma zur Welt gebracht hatte, malte Picasso noch freundlichere Bilder von der Mutter und den gemeinsamen Kindern, z. B. “Claude et Paloma jouant” von 1950, “Francoise, Claude and Paloma” von 1951 und “Francoise Gilot with Claude and Paloma” aus dem selben Jahr.

Francoise Gilot hatte ihre künstlerische Laufbahn gegen den Willen ihres Vater eingeschlagen, der sie als Rechtsanwältin sehen wollte. Sie hatte 1943 eigenmächtig das Jurastudium niedergelegt und ihrem Vater mitgeteilt, dass sie entschlossen sei, Malerin zu werden. In der Folge des sich anschließenden Streits war sie von Hause geflohen und bei ihrer Großmutter mütterlicherseits eingezogen, die ihr immer schon beigestanden hatte, der Vater stellte jegliche Unterstützung ein.

In den Jahren mit Picasso hatte auch Francoise Gilot sich künstlerisch weiterentwickelt, 1951, als ihre geliebte Großmutter starb und sie sich wieder mit ihrem Vater versöhnte, hatte sie eine ganz neue Serie von Arbeiten angefertigt, 1952 konnte sie mit diesen Arbeiten der “Kitchen Series” und älteren Werken der “White Period” ab 1949 ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Louise Leiris in Paris bestücken.

Die Ausstellung kam bei Kritik und Publikum gut an, eines der Bilder wurde sogar an das Französische Nationalmuseeum verkauft, danach wurden Gilot Verträge mit Galerien in New York und London angeboten. Picasso hatte die Ausstellungseröffnung nicht besucht, er gab an, Francoise Gilot keine Aufmerksamkeit stehlen zu wollen, außerdem kenne er alle Bilder bereits.

Der Charakter des Verhältnisses zwischen Gilot und Picassos hatte sich in der letzten Zeit ohnehin verändert, die Beziehung zu ihm wurde für Francoise Gilot beschränkend und zunehmend unerträglich. Seine Laune soll häufig mehr als explosiv gewesen sein, sein Verhalten distanziert, Francoise Gilot hatte sich Picasso gegenüber immer mehr in sich selbst zurückgezogen und sich um so mehr mit ihrer Arbeit und den Kindern beschäftigt.

Ermutigt durch den Ausstellungserfolg fertigte Francoise Gilot größere Bilder an, ihr Farbschema entwickelte sich und ihre Motive wurden ambitionierter. Im gleichen Zug distanzierte sie sich emotional immer mehr von Picasso.

Beginn des Jahres 1953 fühlte sie sich zunehmend erstickt durch seine dominanten Attitüden und seine Weigerung, ihre Sehnsucht nach etwas Eigenständigkeit zu erkennen, in der Zeit bis zum Sommer sah sie ihre Beziehung zu Picasso als irreparabel zerstört an und beschloss, eigene Wege zu gehen.

Links zu den Bildern:

Ende September 1953 verließ Gilot Picasso in Vallauris und zog mit den Kindern Claude und Paloma dauerhaft in ihr Pariser Appartement. Picasso folgte ihr, fuhr aber nach zwei Wochen zurück ans Mittelmeer, Francoise Gilot wurde die einzige Frau, die Picasso aus eigenem Entschluss verlassen hat. Francoise Gilot heiratete zunächst 1955 den Maler und Schauspieler Luc Simon, von dem sie sich 1961 freundschaftlich trennte, und ehelichte dann 1970 Jonas Salk (Entdecker des Polio-Impfstoffs), die Ehe hielt bis zu seinem Tod 1995.

Und sie arbeitete weiter als Künstlerin; Francoise Gilot hat heute Ateliers in New York und Paris Montmartre, und sie hat nicht nur ihre Beziehung zu Picasso ganz gut überlebt, sondern sie hat Picasso momentan auch schon gut 40 Jahre tatsächlich überlebt. Francoise Gilot ist inzwischen über 90 Jahre, sie soll immer noch täglich in ihrem Atelier stehen und malen, einen Überblick über ihre wunderschönen Bilder können Sie sich auf ihrer offiziellen Website www.francoisegilot.com verschaffen.

In einem in englischer Sprache verfassten Artikel in der Zeitschrift Vogue können Sie nachlesen, wie man es schafft, nach einem Leben mit einer Persönlichkeit wie Picasso weiterzuleben. Sehr erfolgreich weiterzuleben, mit zwei Ehen und noch einem Kind, zwei als Bestseller verkauften Büchern, Vorträgen an der Tate und einer noch mit über 90 Jahren aktiv betriebenen Karriere als Künstlerin (www.vogue.com/865350/life-after-picasso-franoise-gilot).

Francoise Gilot live können Sie sich auf Youtube ansehen, 2013 spricht sie über ihre eigene Karriere und ihre Art, an Kunst heranzugehen:

… und am 06. Juni 2014, mit 92 Jahren, über ihr künstlerisches Idol Henri Matisse:

Francoise Gilot wurde am 26.11.2014 stolze 93 Jahre alt, die außerordentliche Klarheit ihres Vortrags und ihre Lebendigkeit im Video vom Juni dieses Jahres lassen vermuten, dass sie sich auch noch an diesem Geburtstag voller Lebenskraft und bester Gesundheit erfreut.

Dieser Artikel erscheint zur Zeit ihres Geburtstags – wenn Sie ihr gratulieren möchten, finden Sie unter www.francoisegilot.com/frames.html, Menüpunkt “Correspond” ein E-Mail-Formular für Nachrichten.

Das nur vielleicht passende Picasso-Zitat zu seiner Liebe zu Francoise Gilot:

Ich habe nie verstanden, warum Frauen an talentierten Männern zunächst deren Fehler und an Narren deren Verdienste sehen.- Pablo Picasso

(gefunden auf http://natune.net/zitate/autor/Pablo%20Picasso).

Es passt nur vielleicht zu Francoise Gilot, weil wir nicht wissen, auf welche seiner Frauen Picasso diese Bemerkung bezog, und es passt nur vielleicht ins Leben, weil Picasso mit dieser Ansicht – auf jeden Fall in der Verallgemeinerung – einfach Unrecht hat: Es gibt sehr sehr viele Frauen, die sehr gut erkennen, was talentierte Männer leisten – deutlicher Mangel herrscht wohl (damals und heute noch) eher in der umgekehrten Richtung.

Mehr zu Picassos “restlichem Leben” und zu seiner Kunst gibt es in folgenden Artikeln zu lesen: “Art-o-Gramm: Picasso – Ein langes Leben für die Kunst” (Überblick), “Art-o-Gramm: Picasso – zum Künstler geboren” (Ausbildung), “Art-o-Gramm: Picasso – ein Künstler und drei Kriege” (Picasso lebte 28 Jahre mit Krieg um sich herum), “Art-o-Gramm: Picasso – Berühmte Kunst und ihr Geheimnis” (nein, ganz lüften kann man es wohl nicht), und im “Art-o-Gramm: “Picasso – ein Garant für Top-Ranking” und im “Art-o-Gramm: Picasso heute” geht es um die gewaltigen Spuren des Künstlers bis in die heutige Zeit.

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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  • Rainer Ostendorf Der Artikel hat mir gefallen. Schöne Grüsse aus
  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
  • Rainer Ostendorf Ein interessanter Artikel! Vielen Danken für die
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