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Kunst – Definition & Bedeutung – Was ist Kunst? Der Kunstbegriff und ihr Zweck in der Gesellschaft

Joachim Rodriguez y Romero
Joachim Rodriguez y Romero
Mo., 21. September 2026, 11:02 CEST

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Ein Essay über Ästhetik, kunsttheoretische Betrachtungen, Gesetzbücher und die Revolution der Künstlichen Intelligenz.

Wer schon einmal ziellos durch die imposanten Hallen eines großen Museums gewandert ist, kennt diesen Moment ganz genau. Man bleibt unvermittelt stehen, der Blick fixiert ein Objekt – sei es ein großformatiges Gemälde, eine verworrene Skulptur oder vielleicht auch nur ein scheinbar banaler Alltagsgegenstand – und unweigerlich drängt sich die Frage auf: Ist das Kunst? Oder ist es doch eher Kitsch?

Beim Reflektieren über die tieferliegende Bedeutung von Kunst kann man als Betrachter schnell vom eigentlichen Thema abkommen. Selbst beim bloßen Betrachten eines einzigen Gemäldes kann einem geradezu schwindelig werden, insbesondere dann, wenn man sich übermäßig lange und intensiv mit der verborgenen Geschichte hinter dem Werk und der Biografie des Künstlers beschäftigt. Es gibt in der Kunst schlichtweg oft eine derartige Vielzahl von Details, die sich beharrlich in den Vordergrund drängen und deren komplexe Bedeutung es zu ergründen gilt.

Beschäftigt man sich zum allerersten Mal ernsthaft mit diesem weiten, mitunter einschüchternden Feld, kreisen die Gedanken zumeist um fundamentale Fragestellungen:

  • Was versteht man überhaupt unter dem Begriff Kunst?
  • Ist das Kunst? Oder ist es Kitsch?
  • Welche unterschiedlichen Arten von Kunst gibt es?
  • Was ist letztlich ihr tieferer Sinn in unserer Gesellschaft?
  • Was ist Kunst und was nicht? Wo verläuft die unsichtbare, oft heiß diskutierte Grenze zwischen dem, was Kunst ist, und dem, was nicht als solche gelten darf?

Beim Stichwort „Kunst“ denken die meisten Menschen ganz instinktiv an Gemälde und Zeichnungen, die zur bildenden Kunst zählen. Dazu gehören auch Fotografie, Bildhauerei, Architektur und Kunsthandwerk. Theater, Tanz und Film sind wiederum Teil der darstellenden Künste. Musik und Literatur sind ebenfalls Teil der Kunst.

Neben diesen sogenannten Schönen Künsten und ihrer kulturhistorischen Betrachtung gibt es aber auch juristische und philosophische Betrachtungsebenen, die wir im Verlauf dieses Artikels kennenlernen werden.

Diese Fragestellungen und Einordnungsversuche stehen auch für uns als Redaktionsteam von Kunstplaza im Zentrum unseres Interesses. In diesem Artikel gehen wir ihnen auf den Grund. Dabei führt uns unsere intellektuelle Reise tief in die Kunsttheorie und zu unterschiedlichen Betrachtungen des Kunstbegriffs.

Für eine unterhaltsame und gleichzeitig wissenschaftlich begründete Einordnung des Kunstbegriffs in audiovisueller Form empfehlen wir gerne Ralph Caspers Beitrag in Quarks Dimension:

In diesem Beitrag führt Caspers ein häufig und gerne zitiertes Beispiel aus dem Jahr 1917 heran: Damals sorgte der Künstler Marcel Duchamp für Aufsehen. Er reichte ein gewöhnliches, industriell gefertigtes Pissoir bei einer Ausstellung in New York als Objekt ein. 

Obwohl sein provokantes „Kunstwerk“ zunächst von den entrüsteten Kritikern abgelehnt wurde, hat es heute seinen unumstrittenen Platz im Kunstmuseum gefunden. Wie ausgerechnet aus diesem profanen Alltagsgegenstand Kunst wurde, verdeutlicht Casper eindrucksvoll in seinem Video.

Doch um diesen intellektuellen Sprung wirklich begreifen zu können, müssen wir ganz von Anfang an beginnen…

Inhaltsverzeichnis Einblenden
1 Definition und Etymologie – das Fundament des Kunstbegriffs
2 Erweiterte Betrachtung des Kunstbegriffs im historischen Kontext
2.1 Die „Schönen Künste“ und ihre Ausdrucksformen
2.2 Hin zur Abstraktion in der Moderne
2.3 Konzepte in der Postmoderne
3 Philosophische Einordnung: Von Platon bis zur Postmoderne
4 Die juristische Brille: Darf der Staat Kunst definieren?
4.1 a) Formeller Kunstbegriff
4.2 b) Materieller Kunstbegriff
4.3 c) Offener Kunstbegriff
4.4 d) Lehre von der Drittanerkennung
5 Neue Horizonte durch Künstliche Intelligenz (KI): Wenn Maschinen malen und Algorithmen träumen
5.1 Wie sieht generative KI die Kunst? Ein Experiment zur Visualisierung
6 Richtungsweisende Studien zur Verflechtung von KI und bildender Kunst
7 Quellenverzeichnis:
7.1 Literatur:
7.2 Web:
7.3 Das könnte Sie auch interessieren:

Definition und Etymologie – das Fundament des Kunstbegriffs

Was ist Kunst? Begleiten Sie uns auf einer Reise in die Kunsttheorie zur differenzierten Betrachtung des Kunstbegriffs
Was ist Kunst? Begleiten Sie uns auf einer Reise in die Kunsttheorie zur differenzierten Betrachtung des Kunstbegriffs
Bildquelle: Freepik

Die Definition der Kunst. Wenn man als kritischer Geist eine intellektuelle Reise tief in die Kunsttheorie antritt und den unterschiedlichen Betrachtungen des Kunstbegriffs auf den Grund geht, ist es naheliegend, mit einer generellen Definition des Wortes selbst zu starten.

Etymologisch betrachtet liefert uns das Oxford-Wörterbuch einen ersten, soliden Ankerpunkt.

/kʊnst,Kúnst/

Substantiv, feminin [die]
1a. schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt
„die bildende Kunst“
1b. [ohne Plural]
einzelnes Werk, Gesamtheit der Werke eines Künstlers, einer Epoche o. Ä.; künstlerisches Schaffen
„die antike, moderne, mittelalterliche, europäische Kunst“

Ein erweiternder Blick in die Enzyklopädie Wikipedia öffnet den Horizont:

Definition von Kunst

„Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist (Heilkunst, Kunst der freien Rede).

Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selbst sein. Ausübende der Kunst im engeren Sinne werden Künstler genannt“

Auch das DWDS–- das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache–- gibt uns eine aufschlussreiche Bedeutungsübersicht:

  1. Widerspiegelung der mannigfaltigen Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt durch die schöpferische Gestaltung von Dingen und Vorgängen der Wirklichkeit mit Hilfe sinnlich wahrnehmbarer Mittel und die dadurch geschaffenen Werke, besonders in Malerei, Bildhauerei, Dichtung und Musik
  2. das Können, die erworbene Fertigkeit, Geschicklichkeit auf einem bestimmten Gebiet
  3. [historisch entstandener Begriff]
  4. etw. künstlich Geschaffenes und nicht natürlich Gewachsenes

Erweiterte Betrachtung des Kunstbegriffs im historischen Kontext

Über Jahrhunderte hinweg war die Herangehensweise der Kunsthistoriker von einer strengen, geradezu dogmatischen Hierarchie geprägt. Lange Zeit galt die Kunst der Antike als die absolute und maßgebliche Kunst, an der sich alle darauffolgenden Bewegungen und Epochen zwangsläufig orientieren mussten. Es wurde stets eine formale Perfektion angestrebt, die in ihrer reinsten Form letztlich unerreichbar bleibt, wobei man über Gemälde und Skulpturen die allerhöchste Stufe der Idealisierung zum Ausdruck bringen wollte.

Die „Schönen Künste“ und ihre Ausdrucksformen

Seit der Epoche der Aufklärung (etwa von 1650 bis 1800) etablierte sich schließlich ein Verständnis von Kunst, das vor allem die mannigfaltigen Ausdrucksformen der sogenannten „Schönen Künste“ umfasste.

Dazu zählen vor allem:

  • Bildende Kunst mit den klassischen Gattungen Malerei und Grafik, Bildhauerei, Architektur und etlichen Kleinformen sowie seit dem 19. Jahrhundert dem Kunstgewerbe oder Angewandte Kunst genannten Grenzbereich zum Kunsthandwerk
  • Musik mit den Hauptsparten Komposition und Interpretation in Vokal- und Instrumentalmusik
  • Literatur mit den Hauptgattungen Epik, Dramatik, Lyrik und Essayistik
  • Darstellende Kunst mit den Hauptsparten Theater, Tanz und Film
  • Oper als Verbindung aller Künste: Musik, darstellende Kunst (Schauspielerei), bildende Kunst (Bühnenbild), Literatur (Poesie)

Während der soziokulturellen Umwälzungen der Aufklärung fanden Gemälde und Bücher in einer weitaus breiteren Bevölkerungsschicht allmählich Verbreitung. Musikalische, tänzerische und theatralische Darbietungen begannen, ihr Publikum in eigens dafür konzipierten Spielstätten zu begeistern, die nicht selten mit technisch ausgefeilten Bühnen ausgestattet waren.

Die Literatur emanzipierte sich zunehmend als eigenständiger Bereich innerhalb und neben der Kunst, maßgeblich geprägt von literarischen Persönlichkeiten wie William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. All diese Aufzählungen der klassischen Kategorisierung erheben jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, denn in der Moderne kamen unzählige neue Kunstrichtungen hinzu, darunter die Fotografie, der Hörfunk oder das Internet.

Hin zur Abstraktion in der Moderne

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts begann eine schrittweise Abkehr von einer idealisierten Vorstellung in der bildenden Kunst. Es kam zu einer dynamischen Entwicklung, die sich allmählich bis zur Abstraktion steigerte, wobei Farbe und Linie zunehmend vom konkreten Gegenstand losgelöst wurden.

In dieser Zeit entwickelte sich das Kunstwerk zunehmend zu etwas Eigenständigem und Unabhängigem, zur L’art pour l’art, wobei die Kunstfreiheit als zentrales Prinzip gilt. Bewegungen wie Impressionismus, Expressionismus und Surrealismus haben von 1880 bis 1920 einen prägenden Einfluss auf die Malerei.

Auch wenn abstrakte Kunst auf den ersten Blick für viele Betrachter vielleicht nicht unmittelbar verständlich sein mag, hat sie sich in der zeitgenössischen Kunstwelt doch einen festen Platz und eine enorme Bedeutung erobert. Mit dieser Entwicklung vollzog sich in der Kunstgeschichte ein tiefgreifendes Umdenken: Kunst lässt sich fortan nicht länger hierarchisch ordnen. Keine Epoche ist einer anderen pauschal überlegen, und kein Kunstwerk oder keine Stilrichtung sollte abgewertet werden, da sie alle aus sehr spezifischen künstlerischen Absichten heraus entstehen.

Einen spannenden Versuch der erneuten Funktionalisierung der Kunst unternahmen in den Zwanzigerjahren der Theaterregisseur Erwin Piscator und der Dramatiker Bertolt Brecht, indem sie das hochtechnisierte „epische Theater“ erfanden.

Konzepte in der Postmoderne

Heute, in den Sphären der Postmoderne, wird Kunst im Allgemeinen als jede menschliche Aktivität oder Schöpfung verstanden, die mit einem kommunikativen oder ästhetischen Zweck ausgeführt wird. Sie drückt eine Idee, ein Gefühl oder ganz allgemein eine spezifische Weltanschauung aus. Kunst ist ein elementarer Bestandteil unserer Kultur und spiegelt in ihrer facettenreichen Gestaltung zumeist ökonomische und soziale Substrate wider.

Der Kunstbegriff selbst ist mittlerweile wandelbar, von weltweiter Bedeutung und lässt fortlaufend neue Deutungen zu – er ist so flüssig geworden, dass er sich schlichtweg nicht aufhalten lässt. Unsere zeitgenössische Kunstbetrachtung reflektiert die aktuelle Zeit, nimmt aber auch aktiv an gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen teil. Indem die Kunst Emotionen und komplexe Ideen in visuelle Darstellungen übersetzt und für andere sichtbar macht, ist sie nicht nur ein passiver Spiegel, sondern aktiv an der Gestaltung unserer Realität beteiligt.

So entsteht eine lebendige Kommunikation zwischen dem Kunstwerk und dem Publikum, was zu einem tieferen Verständnis historischer und gesellschaftlicher Orte führt. Ein bemerkenswertes Beispiel für diese Dynamik ist die Pop-Art der 1960er Jahre, die mithilfe des Vokabulars der Massenmedien und der zeitgenössischen Werbung die aufkommende Konsumkultur und die rasante Geschwindigkeit der modernen Gesellschaft pointiert widerspiegelte. Künstler haben zu allen Zeiten ihre kreativen Ansätze und ihre Ausdrucksmittel beständig weiterentwickelt, um auf ihre Zeit hinzuweisen.

Philosophische Einordnung: Von Platon bis zur Postmoderne

Wie sahen es berühmte Philosophen?
Wie sahen es berühmte Philosophen?
Bildquelle: Freepik

An dieser Stelle drängt sich unweigerlich die Kunstphilosophie auf. Was dachten die größten Denker der Geschichte über das kreative Schaffen?

  1. Nach Platon war Kunst lediglich die handwerkliche Umsetzung einer Kopie eines Objekts, das wiederum eine Kopie der Idee des Objekts selbst darstellte, welche nur für Philosophen sichtbar war.
  2. Im Unterschied zu Platon, der sie als eine Kopie einer bereits vorhandenen Kopie betrachtete, sah Aristoteles in ihr etwas Neues entstehen: „Durch die Kunst werden all jene Dinge erschaffen, deren Form zuvor im Geist existierte.“
  3. Benedetto Croce betrachtete das Kunstwerk als eine Form der lyrischen Intuition, die sich im Geist entfaltet und deutlich von ihrer materiellen Umsetzung und Realisierung zu unterscheiden ist.
  4. Kant wiederum war fest davon überzeugt, dass die Kunst anhand einer Vielzahl von deutlich erkennbaren und formalen Merkmalen bestimmt wird. Diese Merkmale können durch spezifische geistige Fähigkeiten wie Geschmack und Ästhetik erkannt werden und somit Freude hervorrufen.

Diese so unterschiedlichen Einschätzungen und Definitionen von Platon bis Kant verdeutlichen eindrucksvoll, dass der Begriff der Kunst seit jeher starke Emotionen weckt, unweigerlich großes Interesse hervorruft und untrennbar mit uns Menschen verbunden ist, da er unsere Wahrnehmung der Realität massiv beeinflusst.

Die juristische Brille: Darf der Staat Kunst definieren?

Verlassen wir den philosophischen Elfenbeinturm und blicken auf die kühle Realität der Gesetzbücher. Neben der reinen Worterklärung ist es essenziell zu wissen, dass Künstler und ihre kreativen Schöpfungen in Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern die sogenannte Kunstfreiheit genießen. In Deutschland ist dies ein durch die Verfassung (Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG) ausdrücklich geschütztes Grundrecht.

Interessanterweise existieren in der Rechtswissenschaft gleich mehrere Kunstbegriffe nebeneinander. Die rechtliche Bewertung eines Werkes hängt maßgeblich davon ab, welche spezifische Definition angewendet und wie sie letztlich interpretiert wird. Grundsätzlich steht es uns natürlich frei, persönlich das als Kunst zu bezeichnen, was wir rein aus unserer individuellen Meinung heraus als solche erachten, auch ohne dass dies eine objektive, universelle Gültigkeit besitzt. Der Staat jedoch hat ausdrücklich nicht die Befugnis, Kunst endgültig zu definieren.

Es darf in einer lebendigen Demokratie keine staatliche Autorität geben, die von oben herab entscheidet, was als Kunst gilt, welche Kunstformen gesellschaftlich akzeptabel sind oder welches Qualitätsniveau sie aufweisen müssen.

Dennoch kommt die Justiz nicht umhin, aus rechtlichen Gründen eine gewisse Arbeitsdefinition zu verwenden, um die tatsächliche Durchführung der Kunstfreiheit vor Gericht überhaupt erst zu ermöglichen.

Aus dieser juristischen Notwendigkeit heraus wurden verschiedene Grundkonzepte entwickelt:

a) Formeller Kunstbegriff

Gemäß dem formellen Kunstbegriff wird definiert, dass alles als Kunst betrachtet werden kann, wenn es einer spezifischen Kunstrichtung zugeordnet werden kann. Beispiele hierfür sind Malerei, Bildhauerei und Theater. Es sollen auch hybride Formen in diese Kategorie fallen.

b) Materieller Kunstbegriff

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat das Konzept der Kunst inhaltlich definiert. Demnach wird sie als die kreative Gestaltung betrachtet, bei der Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse des Künstlers durch eine spezifische Formensprache unmittelbar visualisiert werden.

Oder anders formuliert:

Kunst ist die freie und schöpferische Gestaltung, bei der der Künstler seine Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse durch eine bestimmte Formensprache unmittelbar zum Ausdruck bringt.“

c) Offener Kunstbegriff

Gemäß der vorherrschenden Auffassung sollte ein flexibler Kunstbegriff verwendet werden. Der offene Kunstbegriff definiert das charakteristische Merkmal einer künstlerischen Äußerung als die Fähigkeit, aufgrund ihrer vielfältigen Aussagegehalte durch fortwährende Interpretation stets weiterreichende Bedeutungen zu erschließen.

Dadurch entsteht eine praktisch unerschöpfliche und mehrstufige Vermittlung von Informationen.

d) Lehre von der Drittanerkennung

Dem folgend erfasst Kunst jenes, was ein sachkundiger Außenstehender als solche bezeichnen würde.

Neue Horizonte durch Künstliche Intelligenz (KI): Wenn Maschinen malen und Algorithmen träumen

Dieser juristische und philosophische Rahmen wird in der Gegenwart einer historischen Zerreißprobe unterzogen. Die jüngsten, geradezu exponentiellen Entwicklungen in digitalen Technologien und der Künstlichen Intelligenz (KI) prägen die aktuelle Kunstlandschaft maßgeblich und stellen unseren gesamten zeitgenössischen Kunstbegriff fundamental auf die Probe.

Die seit Jahren aufstrebende digitale Kunst bringt mit ihren 3D-Welten der erweiterten und virtuellen Realität, immersiven Video- und Soundinstallationen sowie elektronischer Literatur – von Computerpoesie über Handyromane bis hin zu erweiterten E-Books – unaufhörlich frische, teils radikale Ideen in die Postmoderne. Diese neuen Formen spiegeln das kontinuierliche Ausloten der Grenzen der künstlerischen Produktion sowie eine klare Aussage über den technologischen Fortschritt wider. Sie stellen eine ständige Herausforderung dar, unsere traditionelle Sichtweise auf Kunst und Kreativität fortwährend zu überdenken und zu erweitern, und bieten eine beeindruckende Perspektive auf die künftige Gestaltung.

Die Frage, ob KI richtige Kunst erschaffen kann, ist durchaus umstritten.

Die Frage nach der Schöpfungshöhe beim kreativen Gestalten sowie nach den Urheberrechten muss hinsichtlich des Produzierens von Kunst durch Maschinen und Algorithmen noch geklärt werden.

Gemäß dem Duden ist Kunst ein Akt des schöpferischen Gestaltens. Dies schließt den Einsatz von Algorithmen nicht aus, insbesondere da Aristoteles bereits vor über 2.000 Jahren eine umfassende Definition des Begriffs lieferte:

Kunst vervollständigt, was die Natur nicht erreichen kann, oder imitiert sie.“

Mit der klaren Betonung des Imitierens alswichtiger künstlerischere Tätigkeit widerlegt der griechische Universalgelehrte quasi Jahrtausende vor der Erfindung generativer Sprach- und Bildmodelle eines der Hauptargumente gegen die KI-Kunst – nämlich den reflexhaften Vorwurf, Maschinen seien nicht wahrhaft kreativ, sondern würden lediglich bereits erlernte Stile stur nachahmen.

Gängige Definitionen schließen folglich nicht per se aus, dass auch Maschinen kreative Schöpfungen produzieren können. Hinzu kommt die verblüffende Realität, dass der Kunstkonsument heute häufig gar nicht mehr in der Lage ist, den feinen Unterschied zwischen „menschengemacht“, „maschinell hergestellt“ und hybriden Zwischenformen zu erkennen – sofern wir überhaupt unterstellen, dass diese Unterscheidung stets notwendig ist.

Wie sieht generative KI die Kunst? Ein Experiment zur Visualisierung

Ein spannendes Experiment verdeutlicht das unglaubliche Potenzial maschineller Ästhetik:diee Nutzung des Generative-AI-Tools „Neuroflash“. Durch die bloße Eingabe des Text-Prompts (Aufforderung) „a visualisation of the definition of art itself from an aesthetic, formal and philosophic point of view, abstract, surrealistic, fantasy, open mind“ in den Text-to-Image-Bildgenerator entstanden drei Bilder, die als Visualisierung eines derart abstrakten Konzeptes eine geradezu phänomenale Detailtiefe liefern. Eine Tiefe, die sich dem Betrachter erst bei einer längeren, intensiven Auseinandersetzung vollumfänglich erschließt.

Mit der Generative AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 1)
Mit der Generative-AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 1)
Mit der Generative AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 2)
Mit der generativen AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 2)
Mit der Generative AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 3)
Mit de rgenerativen AI von Neuroflash geschaffenes KI-Bild (Version 3)

Richtungsweisende Studien zur Verflechtung von KI und bildender Kunst

Dass dieses neuartige Phänomen nicht nur in hippen Ateliers und Feuilletons diskutiert wird, sondern längst Gegenstand stringenter Forschung ist, zeigt die im Juni 2024 veröffentlichte Studie „KI und bildende Kunst“, die von der Goldmedia GmbH im Auftrag der Stiftung Kunstfonds und der Initiative Urheberrecht durchgeführt wurde. Sie liefert den aktuellen journalistischen Faktencheck zu der von Künstlern empfundenen Disruption.

Dr. Karin Lingl, eine ausgewiesene Kennerin der Szene und Geschäftsführerin der Stiftung Kunstfonds, ordnet diese empirischen Ergebnisse präzise ein. Sie verweist darauf, dass eine breite Masse bildender Künstlerinnen und Künstler aktuell intensiv mit KI als völlig neuem Medium experimentiert. Dennoch herrscht eine spürbare Unruhe in der Kreativbranche: Es fehlte schlichtweg lange Zeit an einer belastbaren Datenbasis, um zu bewerten, wer auf welche Werke zugreift und in welchem Umfang KI den Markt, die Arbeitsrealität und künftige Einkommen der Künstler transformieren wird.

Die Studie mahnt ein gesellschaftliches Regelwerk an und unterstreicht die Notwendigkeit, der technologischen Dynamik juristisch und kulturell angemessen zu begegnen.“

Eine zusätzliche, vertiefende Perspektive aus dem Bereich der angewandten Wissenschaft liefert Prof. Dr. Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik, Informationsethik und Maschinenethik an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). In seiner interdisziplinären Betrachtung des Kunstbegriffs verweist er darauf, dass Kunst stets das vom Menschen geschaffene Künstliche in einem kulturellen Kontext ist, das eine soziale Funktion in einer ästhetischen Dimension erfüllt.

Selbst wenn die Maschine den Output generiert, bleibt das Artefakt, die Struktur oder der Prozess tief in dem vom Menschen vorgegebenen kulturellen und ethischen Rahmen verankert.

Der Algorithmus mag den Pinsel führen, doch der konzeptionelle Funke entspringt nach wie vor dem menschlichen Intellekt.“

Wie sehr uns diese Transformation als Gesellschaft herausfordert, dokumentiert auch die Studie „Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz 2023“ des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Sie belegt eindrücklich, dass die Anerkennung von echter Kreativität bei KI-Systemen den meisten Nutzern nach wie vor extrem schwerfällt. Die Vorstellungen von Künstlicher Intelligenz pendeln zwischen diffuser Utopie und Dystopie. Es bedarf demnach nicht nur neuer juristischer, sondern vor allem medienpädagogischer Ansätze, um den Kunstbegriff im Zeitalter der Algorithmen für die Gesellschaft fassbar zu machen.

Quellenverzeichnis:

Literatur:

  • Das große Oxford-Wörterbuch, Third Edition, Cornelson Verlag, ISBN-10: 0194406067
  • Michael Hauskeller: Was ist Kunst?: Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto, ISBN-10: ‎ 3406657095
  • Reinold Schmücker: Was ist Kunst? Eine Grundlegung, Klostermann RoteReihe, Band 70, ISBN-10: 3465041976
  • Stefan Jordan / Jürgen Müller: Grundbegriffe der Kunstwissenschaft (Reclams Universal-Bibliothek), ISBN-10: 3150195594
  • Susanna Partsch: Einführung in das Studium der Kunstgeschichte, ISBN-10: 3150143020
  • Hildegard Kretschmer: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst: 800 Einträge, ISBN-10: 9783150195666
     

Web:

  • Akademie Kraatz – Jura einfach verstehen: Was ist Kunst und was nicht?, https://akademie-kraatz.de/de/was-ist-kunst-und-was-nicht.htm
  • DWDS – das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/
  • Gesetze im Internet: Art 5 GG – Einzelnorm, https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html
  • Wikipedia: Kunst
  • Dr. Karin Lingl / Stiftung Kunstfonds, kunstfonds.de
  • Bendel, Oliver. KI-Kunst. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Springer Gabler, Wiesbaden 2026, wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/ki-kunst-177543
  • Cousseran, Laura/Lauber, Achim/Herrmann, Simon/Brüggen, Niels (2023). Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz 2023. Einstellungen, Handeln und Kompetenzentwicklung im Kontext von KI. Herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed.
Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011.
Joachim Rodriguez y Romero

Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.

www.kunstplaza.de/

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