Art-o-Gramm: Was ist eigentlich Konzeptkunst?

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Kunstplaza stellt hier im Blog laufend die verschiedensten Künstler vor, die sich in unserer Welt einen Namen gemacht haben. Nicht wenige dieser Künstler werden als “Konzeptkünstler” bezeichnet, womit sich dem frisch Kunstinteressierten öfter die Frage stellt, was denn eigentlich Konzeptkunst ist.

Für die Einsteiger folgt deshalb hier ein Art-o-Gramm über die Konzeptkunst, eine skizzenhafte Annäherung, die erstes Wissen vermittelt und zur weiteren Beschäftigung mit dieser spannenden Kunstrichtung anregen möchte:

Versuche der Annäherung an Konzeptkunst enden nicht selten in leichter Verzweiflung …

Viele Menschen tun sich schwer mit der Konzeptkunst, sie tun sich sogar schon schwer damit, Werke der Konzeptkunst überhaupt als Kunst zu begreifen. Noch schwerer ist es für diese Menschen, sich einem einzelnen Konzeptkünstler zu nähern und (sinnvolle) Vermutungen darüber anzustellen, “was der Künstler uns damit sagen will”.

Kunstplaza Art-o-Gramm: Konzeptkunst

Kunstplaza Art-o-Gramm: Konzeptkunst

Also sollten vielleicht zunächst die Wissenschaftler an die Reihe kommen – wie immer, wenn das Begreifen eines Gebiets nicht ganz einfach ist, kann ein Versuch einer Einordnung vielleicht helfen. Und so haben die Kunstwissenschaftler sich auch viel damit beschäftigt, die Konzeptkunst in ein Gerüst zu pressen, erfolgreich natürlich, die Konzeptkunst gilt als eigener Kunststil (mehr dazu können Sie im Art-o-Gramm “Wie die Kunstwissenschaft Ordnung in die Kunst bringt” lesen).

Was ist denn nun Konzeptkunst?

In gerade angesprochenen Artikel werden Sie erfahren, dass eine Klassifizierung von Kunst ohnehin zu den schwierigeren Aufgaben gehört, derer ein echter – neutraler, auf Wissensvermittlung und nicht auf Verdienste irgendeiner Art bedachter – Wissenschaftler sich annehmen kann.

Bei der Konzeptkunst stellt sich die Klassifizierung ganz besonders problematisch dar, eigentlich “versagen” bei der Konzeptkunst alle gängigen Ordnungskriterien – sie hält sich weder an eine Gattung (nicht selten werden verschiedenste Medien eingesetzt), noch an ein bestimmtes Genre (viele Fotografien oder Landschaftsbilder werden zur Installation, die wiederum ein großes Portrait ist), oder an eine bestimmte Kunstform (die Skulptur eines Konzeptkünstlers kann durchaus aus Schrift auf Papier entstehen).

So bleibt bei der Konzeptkunst nur die Einordnung nach Stil, und wahrscheinlich deshalb wird die Konzeptkunst auch fast ohne Diskussionen als einer der sicher unterscheidbaren Kunststile betrachtet, die die Welt der Kunstbetrachtung herausgearbeitet hat. Je nach Beschränkung auf den europäischen Raum oder Einbeziehung der gesamten Kunst-Welt, nach Betrachtung aller vergangenen Epochen oder nur der, die der Gegenwart näher sind, nach Reduzierung auf die sogenannte Hochkunst oder Einbeziehung von Alltagskunst und Kunsthandwerk werden mehrere Dutzend oder auch doppelt so viele Kunststile unterschieden, mit groberen und feineren Verzweigungen und strittigen Unterteilungen, die Konzeptkunst behauptet jedoch unter allen Stilmodellen ihren eigenen Platz.

Konzeptkunst von Sol LeWitt: Double Negative Pyramid

Konzeptkunst von Sol LeWitt: Double Negative Pyramid in Europos Parkas (Litauen);
von Arz [GFDL oder CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

In der Stilkunde, einem anerkannten Rückgrat der Kunstbetrachtung, wird danach gesucht, welche einheitlichen Merkmale verschiedene Kunstwerke aufweisen, um diese Kunstwerke dann unter einer Stilbezeichnung zu vereinen.

Demnach wird Konzeptkunst oder Conceptual Art in der Kunstwissenschaft als einheitliche künstlerische Stilrichtung angesehen, die in den 1960er Jahren vom amerikanischen Künstler Sol LeWitt begründet wurde.

Denn er war der Erste, der das bei dieser Einordnung als entscheidend angesehene Merkmal als Begriff definierte, mit dem Ergebnis, dass heute als Konzeptkunst die Kunst angesehen wird, bei der das Konzept des Kunstwerks im Vordergrund steht. Der Idee wird dabei entschieden mehr Bedeutung beigemessen als der eigentlichen Herstellung des Kunstwerks.

Gedenktafel "Black Form" von Sol LeWitt

Gedenktafel "Black Form" von Sol LeWitt;
von Tanja Nierhaus [CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Die Ausführung der Kunst muss bei der Konzeptkunst nicht einmal durch den Künstler selbst geschehen, was zur Folge hat, dass in der Konzeptkunst neben dem fertigen Kunstwerk auch Anleitungen und Skizzen, Notizen und Künstlerbücher als Kunstwerke gelten. Die Konzeptkunst entmaterialisiert damit also das Kunstwerk, und entwickelt daraus schnell die eigentlich logische Folge, dass der Betrachter mit in das Kunstwerk einbezogen werden muss.

Tall Irregular Progression von Sol LeWitt

“Tall Irregular Progression” von Sol LeWitt (Barcelona), gewidmet den Opfern des Terrorismus;
von Enfo [CC-BY-SA-3.0-es], via Wikimedia Commons

Seine Assoziationen und der Kontext, in dem ein Werk betrachtet wird, werden im Laufe der Entwicklung der Konzeptkunst eine immer wichtigere Rolle spielen, bis hin zum Ansatz Dan Grahams: Seine Kunst-Pavillons existieren nach seiner Auffassung erst, wenn sie vom Publikum betreten werden, das durch seine vielfältigen und durch Graham provozierten Reaktionen das Kunstwerk zum Leben erweckt.

Die Aussagekraft dieses Merkmals erklärt auch, warum so unterschiedliche Kunstrichtungen wie Objektkunst oder Happening deshalb als Teil der Konzeptkunst betrachtet werden können, sie müssen nur unter der Idee entstanden sein, dass der Gedanke, das Konzept, vorrangige Bedeutung für das Kunstwerk hat.

Cinderblock von Sol Lewitt (2001)

Cinderblock von Sol Lewitt (2001);
von der Fundación NMAC [GFDL oder CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Für den Betrachter dieser Kunst gibt es ein ganz anderes entscheidendes Merkmal – um ein Konzept-Kunstwerk verstehen zu können, wird er sich immer auch mit dem Künstler und seinen Ideen auseinanderzusetzen müssen, anders wird er ja ein Konzept nie erkennen können.

Wie entstand die Stilrichtung “Konzeptkunst”?

Am Anfang stand der abstrakte Expressionismus, eine nach dem 2. Weltkrieg in Nordamerika entstandene Kunstrichtung der modernen Malerei, die Spontanität und Emotionen wichtiger nahm als Regeln, Vernunft und Perfektion.

Dan Graham im Maine College of Art, Portland (USA)

Dan Graham im Maine College of Art, Portland (USA, 2007);
von Kawhite [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Pavillon des Dan Graham im HWK Mitte (Berlin)

Pavillon des Dan Graham im HWK Mitte (Berlin, 2005);
von Stardado, via Wikimedia Commons

Als Gegenbewegung zu dieser teils sehr wild-abstrakten Darstellungsweise entwickelte sich in den frühen 1960er Jahren ebenfalls in Nordamerika der Minimalismus (im englischen Sprachraum Minimal-Art), der schematische Klarheit, Logik und Objektivität und Zurückstellung des persönlichen Ausdrucks anstrebte.

Vor allem der abstrakte Expressionismus hatte sich entscheidend von den Dadaisten und Surrealisten Marcel Duchamp (der während beider Weltkriege in New York lebte) und seinem Freund René Magritte (der 1936 seine erste New Yorker Ausstellung hatte) beeinflussen lassen, und manche Aspekte dieser Kunststile machten diese beiden außergewöhnlichen Künstler durchaus auch zu Vorreitern der Konzeptkunst.

So sah es der Surrealismus als seine Hauptaufgabe an, die herkömmlichen Gewohnheiten bei der Wahrnehmung von Kunst zu erschüttern, und Dada revoltierte gegen jede konventionelle Kunst und Kunstform und gegen jedes bürgerliche Ideal. So wurde Magrittes Ideal einer dem Kunstwerk immanenten Wirklichkeitsverdeutlichung ebenso ein programmatischer Pfeiler der Konzeptkunst wie Duchamps Idee, “retinale” (nur vom Auge wahrzunehmende Kunst) sei effekthascherisch und nicht ernst zu nehmen und die wahre Kunst entstehe dort, wo das Kunstwerk im Denken wirke.

Auch der belgische Surrealist Marcel Broodthaers wurde im Laufe seines Kunstschaffens zu einem wichtigen Theoretiker der Konzeptkunst, ja eigentlich schon zum KK selbst. Zum Beispiel, indem er als erster Kunsttheorie, Kunstmarkt und Museumsbetrieb zum Gegenstand künstlerischer Arbeit macht oder wenn er bereits Ende der 1960er Jahre die Grenzen der Malerei überschreitet, um Installationen und Künstlerbücher, Skulpturen, Filme und Fotografien als Kunstwerke vorzulegen.

Der amerikanische Minimalist Sol LeWitt war es jedoch, der genau zu dieser Zeit den Begriff “Conceptual Art” prägte, als er 1967 die “Paragraphs on Conceptual Art” verfasste, in denen er seine Kunst als „begrifflich“ und für den Betrachter vor allem in geistiger Hinsicht relevant definiert, in Abgrenzung zur nur aufs Visuelle abzielenden “Wahrnehmungskunst”. Zum ersten Mal steht in dieser Schrift die Idee des Kunstwerkes, das Konzept, im Vordergrund.

Als erste Konzeptkunst-Ausstellung gilt jedoch eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Mel Bochner aus dem Jahr 1966, die in der Galerie der School of Visual Arts in New York stattfand. Es war Bochner erste Ausstellung, für “Working Drawings and Other Visible Things on Paper Not Necessarily Meant to Be Viewed as Art” (“Arbeitszeichnungen und andere sichtbare Dinge auf Papier, die nicht notwendig dafür bestimmt sind, als Kunst betrachtet zu werden”) hatte er Entwurfszeichnungen, Notizen, Skizzen und anderes Material von befreundeten minimalistischen Künstlern, z. B. eine Rechnung von Donald Judd über 3,051.16 Dollar, fotografiert, die Abzüge in vier schwarzen Ordnern gesammelt und diese auf vier Sockeln ausgestellt.

Seitdem haben viele berühmte Konzeptkünstler der Welt ihre Werke vorgestellt, wie diese in die gerade vorgestellte Definition passen und welch große Bedeutung der Konzeptkunst in der heutigen Kunstwelt zukommt, lesen Sie im Art-o-Gramm “Konzeptkünstler und die Bedeutung der Konzeptkunst”.

Art-o-Gramm: Was ist eigentlich Konzeptkunst?

Die folgenden beiden Tabs ändern die nachfolgenden Inhalte.
  1. 5. Januar 2016

    Marc Ballhaus

    Duchamp hat recht, wenn er sagt, daß wahre Kunst nur da entsteht, wo das Kunstwerk im Denken wirkt.
    Es ist längst wieder Zeit für eine neue Kunst. Die Kunst ist wieder einmal in einer Sinnkrise und muß sich neu erfinden.

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