Das Auflösen eines Nachlasses oder das Entrümpeln eines alten Speichers ist häufig ein Balanceakt zwischen emotionaler Überforderung und der Notwendigkeit, logistisch zu handeln. Kunst-, Design- und Ästhetik-Begeisterte finden hier jedoch oft eine unerwartete Chance, verborgene kulturelle Schätze zu entdecken. Im Rahmen dieses Artikels möchten wir erläutern, warum Achtsamkeit beim Ausräumen nicht nur historisch bedeutsam ist, sondern auch ein echtes Abenteuer sein kann.
Erkennen Sie den einzigartigen Duft eines alten Dachbodens? Diese dichte, beinahe greifbare Mischung aus trockenem Holz, altem Staub und dem zarten Duft von vergilbtem Papier schafft eine unverwechselbare, fast magische Melancholie. Ein solcher Ort ist für Kunst- und Designliebhaber weit mehr als ein Lagerraum für Abgelegtes; er fungiert als eine Ästhetik-Zeitkapsel.
Der zweite Blick beim Entrümpeln: Für Kunstliebhaber beginnt die Schatzsuche auf dem Dachboden Foto von Peter Herrmann @tama66, via Unsplash
Aber die brutale Realität trifft diese romantische Vorstellung oft unmittelbar. Wenn ein Haushalt aufgelöst wird, ist es meist entscheidend, alles schnell zu erledigen. Die typische Abfolge ist pragmatisch und unerbittlich: Container bestellen, alle Räume leerräumen und schnell die Schlüssel übergeben. Auf menschlicher Ebene ist diese Eile absolut nachvollziehbar. Denn hinter einer solchen Auflösung steckt meist ein schwerer Schicksalsschlag. Beispiele dafür sind ein Todesfall, ein unfreiwilliger Umzug ins Pflegeheim oder die komplizierten Beziehungen innerhalb einer Erbengemeinschaft, die schnell zu einer Einigung kommen möchte.
Trotz dieser emotionalen und zeitlichen Belastung ist es unbedingt notwendig, das Tempo bei einer ganz bestimmten Kategorie von Objekten herauszunehmen: bei allem, was gerahmt ist, intensiv nach altem Papier riecht und offensichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr berührt wurde. In einer kulturhistorisch so reichen Region wie Bayern befinden sich auf vielen Dachböden erstaunlich viele Artefakte, die man heute kaum noch richtig zuordnen kann.
Es gibt feine Landschaftsstudien ohne Signatur, große Mappen voll mit alten Drucken, Gemälde in stark angelaufenen Rahmen oder auch das eine oder andere Aquarell, das schüchtern hinter mattem Milchglas verborgen ist. Hierbei sollte man sich nichts vormachen: Der Großteil dieser Funde ist objektiv und finanziell betrachtet tatsächlich wertlos. Aber nicht alles davon.
Unentdeckte Kostbarkeiten der Gegend – Dachau, die vergessene Kunstmetropole
Es braucht oft einen Blick in die regionale Kunstgeschichte, um den Wert von scheinbar unbedeutenden Kunstwerken richtig einschätzen zu können. Eine Stadt in unmittelbarer Nähe von München ist ein ideales Beispiel dafür. Heutzutage verbinden die meisten Menschen den Namen Dachau nicht sofort mit den feinen Künsten.
Der Blick auf die Geschichte wird durch diese Wahrnehmung jedoch verzerrt, denn um 1900 war diese Stadt einer der bedeutendsten und lebhaftesten Künstlerorte in ganz Süddeutschland. Eine ganze Generation von Freilichtmalern wurde damals vom legendären Dachauer Moos begeistert. Künstler, die nach einer unberührten, melancholischen Natur suchten, wurden von dieser Moorlandschaft mit ihrem flachen Licht und den weiten, fast endlosen Horizonten angezogen.
In dieser Gegend arbeiteten hochkarätige Pioniere wie Adolf Hölzel, Ludwig Dill und Arthur Langhammer intensiv. Neben dem Malen unterrichteten sie viele Schülerinnen und Schüler und verkauften kleine Landschaftsstudien an die Einheimischen quasi im Vorbeigehen.
„Die Näherin“, Gemälde von Adolf Hölzel. Öl auf Ahornholz, 39,5 cm × 30 cm.
Kunstsammler und -liebhaber finden heute gerade diese kleinen, oft als unbedeutend angesehenen Studien von echtem Interesse. Die monumentalen Werke dieser Meister sind längst in den etablierten Museen oder im exklusiven, internationalen Kunsthandel zu finden. Die kleinen Ölskizzen, die flüchtigen Kohlezeichnungen und die charmanten Postkartenmotive jedoch, diese intimen Formate, blieben tief in der Region verwurzelt.
Ludwig Dill – Im weißen Moor (1915)
Sie waren über viele Jahre hinweg eine Flurdekoration, kamen irgendwann, als sich der Zeitgeschmack änderte, unbeachtet in den Keller und befinden sich nun zwischen alten, verstaubten Vorhängen auf dem Dachboden. Erst im Laufe des kräftezehrenden Ausräumens bemerken die Erben oft, dass eigentlich niemand in der ganzen Familie je die Frage gestellt hat, woher das kleine Bild über der antiken Kommode stammt.
Arthur Langhammer – Schilfstudie (ca. 1893)
Augsburgs Erbe – Goldschmiedekunst und Kupferstiche im Fokus
Ein Blick in die geografische Nachbarschaft beweist, dass nicht jede Region die gleiche Art von Kunst hervorgebracht hat. Etwa vierzig Kilometer westlich von Dachau liegt der kunsthistorische Fokus auf einem ganz anderen Gebiet. Die Fuggerstadt Augsburg war über viele Jahrhunderte eine blühende Metropole, beherbergte sie doch Goldschmiede, einflussreiche Verleger und vor allem hochbegabte Kupferstecher.
Im 17. und 18. Jahrhundert war die Druckgrafik aus Augsburger Werkstätten ein echter Exportschlager und wurde durch die Hälfte Europas verbreitet. Die Dichte an grafischen Arbeiten, die bis heute in vielen schwäbischen Haushalten zu finden sind, ist entsprechend beachtlich. Bei Entrümpelungen findet man immer wieder historische Stadtansichten, feine Andachtsblätter oder detailreiche Kalenderstiche, die oft gerahmt sind, aber auch häufig durch jahrzehntelange Sonneneinstrahlung verblasst sind und meist ohne jeden Hinweis darauf existieren, was genau darauf abgebildet ist.
All die ästhetischen Dinge, die man beim hektischen Ausräumen unglaublich gern übersieht, kommen in diesen Nachlässen hinzu, weil sie auf den ersten Blick so erschreckend alltäglich wirken. Das können etwa historische Fotoalben mit Studioaufnahmen, alte Zunftpapiere, kunstvoll gebundene Bücher mit beeindruckenden Illustrationen oder auch gearbeitetes Zinn und Silber sein, das vergessen im Schrank liegt. Genau deswegen gilt auch bei der Entrümpelung in Augsburg oder ähnlichen Städten der maßgebliche Grundsatz: Erst in Ruhe sichten, dann entscheiden und im Zweifel immer lieber eine Kiste beiseitestellen, als eine irreversible Entscheidung unter immensem Zeitdruck zu treffen.
Mit dem Auge eines Sammlers – auf welche Dinge man beim Sortieren achten sollte
Es ist nicht erforderlich, dass man einen akademischen Abschluss in Kunstgeschichte hat, um die Erstbegutachtung vor Ort durchzuführen. Es braucht keine spezielle Ausbildung, um die faszinierenden und offensichtlichen Fälle zu sehen. Manchmal genügen ein paar wenige, aber wichtige Anhaltspunkte, um im Alltag zurechtzukommen.
Ein entscheidender Hinweis für alle Kunstfreunde: Die Rückseite eines Kunstwerks ist meist weitaus aussagekräftiger und wichtiger als die Vorderseite.“
Historische Rahmenmacher-Aufkleber, alte Galerie-Etiketten, längst vergessene Ausstellungsnummern oder handschriftliche Notizen der Vorbesitzer erzählen oft viel mehr über die Geschichte des Werks als eine schwer lesbare Signatur auf der Vorderseite der Leinwand. Selbst der Keilrahmen, seine Bauweise und das verwendete Holz geben dem erfahrenen Betrachter viele Hinweise auf das wahre Alter des Kunstwerks.
Expertenstimme zur Provenienz:
Katrin Stoll, Geschäftsführerin und Auktionatorin des traditionsreichen Münchner Kunstauktionshauses NEUMEISTER, betont in ihrer Praxis immer wieder, wie entscheidend die lückenlose Rückverfolgbarkeit (Provenienz) von Kunstwerken heutzutage ist. Weil kein digitaler „QR-Code am Rahmen“ existiert, der die Besitzverhältnisse chronologisch wie ein digitales Kassenbuch auflistet, ist die unberührte Rückseite eines Gemäldes mit all ihren historischen Stempeln, Notizen und Aufklebern ein absolutes Schlüsseldokument für die Bewertung auf dem internationalen Kunstmarkt.
Das bringt uns direkt zum nächsten wichtigen Punkt: nicht putzen. Es ist fast ein menschlicher Zwang, ein lange unberührtes, verstaubtes Bild erst einmal schnell mit einem Lappen feucht abzuwischen; obwohl das psychologisch nachvollziehbar ist, kann es am Ende des Tages extrem teuer werden. Substanzen wie Firnis, Gouachefarben und alte Papiere sind äußerst empfindlich gegenüber Feuchtigkeit, chemischen Reinigern und mechanischer Reibung.
Hier gilt ganz klar: Lieber staubig lassen und das Kunstwerk so zeigen, wie es gefunden wurde.
Expertenstimme zur Restaurierung:
Isabel Wagner M.A., diplomierte Restauratorin, Artefact Conservator der Bayerischen Schlösserverwaltung und Vorsitzende der Landesgruppe Bayern im Verband der Restauratoren (VDR), warnt dringend davor, bei Kunstfunden vorschnell selbst Hand anzulegen. Immer wieder betonen Restauratoren, dass durch unsachgemäßes Reinigen nicht nur oberflächlicher Schmutz, sondern auch der historische Originalfirnis oder feine Farblasuren unwiederbringlich abgetragen werden. Eine gut gemeinte „Verschönerung“ mindert erheblich den materiellen und historischen Wert.
Zeitgemäße Technologie und fachkundige Unterstützung als Lebensretter
Bevor ein fragliches Objekt endgültig in den großen Container wandert, sollte man es fotografieren, bevor es hineingeht. Ein simples Handyfoto von der Vorder- und vor allem der Rückseite des Objekts kostet den Fotografierenden nur etwa zehn Sekunden. Ein seriöses Auktionshaus oder ein regional ansässiger Kunsthandel betrachtet solche Bilder oft völlig kostenlos und ohne Verpflichtung. In der Kulturmetropole München haben sich gleich mehrere etablierte Institutionen, die auf die bayerische Malerei des frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert sind, und solche Erstbegutachtungen routiniert durchgeführt.
Falls Sie darüber nachdenken, die Entrümpelung in Dachau oder anderswo von einer externen Firma erledigen zu lassen, sollten Sie dieses sensible Thema unbedingt vorher ansprechen. Erfahrene und seriöse Betriebe haben mit solchen Anfragen keinerlei Schwierigkeiten. Einfach als Letztes räumen Sie die Räumlichkeiten, in denen sich eventuell Kunstwerke befinden könnten, oder stellen alles Unklare vorsichtig in eine separate Ecke, anstatt es unbesehen direkt zu verladen. Diese winzige Absprache von nur zwei Minuten kann im Zweifelsfall ein enormes Stück kulturelles Erbe retten.
Realistisch sein – die Waage zwischen Traum und Realität
All der berechtigte Optimismus und die unbestreitbare Romantik der Schatzsuche gehören dazu, aber man muss auch realistisch betrachten, wie viel davon letztlich wirklich einen Wert hat. Die ehrliche Antwort lautet leider in den meisten Fällen: wenig. Was nach vielen Jahren aus dunklen Kellern und staubigen Dachböden ans Licht kommt, sind meist Reproduktionen und massenhaft produzierte Drucke aus den Siebzigerjahren. Nicht selten kosten die Rahmen in ihrer Anschaffung mehr als der eigentliche bildliche Inhalt. Eine Haushaltsauflösung mit der festen finanziellen Erwartung, dort einen lange verschollenen Hölzel zu finden, enttäuscht fast immer.
Aber das Hauptaugenmerk dieses Artikels liegt auf etwas ganz anderem. Es geht bei der ganzen Thematik nicht unbedingt um den einen, großen Millionenfund. Es ist vielmehr eine Frage der Ästhetik und der Geschichte: Aus Eile und Überforderung nicht etwas unwiederbringlich wegzuwerfen, das noch eine tiefe Geschichte in sich trägt. Gelegentlich ist dieser Fund ein Bild, das sich auf dem Kunstmarkt verkaufen lässt.
Viel häufiger handelt es sich um ein lokales Motiv aus der eigenen Straße, gemalt von jemandem, den die Großeltern noch persönlich kannten. Der materielle Wert sowie der starke emotionale und historische Wert sind beides hervorragende Gründe, um bei einer Hausräumung einfach mal eine Stunde mehr einzuplanen.
Eine bewusste Wahl für die Ästhetik
Die Kunst verlangt unsere Aufmerksamkeit und unseren Respekt gegenüber der Vergangenheit. Das Ordnen eines Nachlasses ist nicht nur logistische Schwerstarbeit; es ist immer auch eine kuratorische Aufgabe. Und falls nach einigem Überlegen, nach dem zweiten oder vielleicht dritten Blick, doch alles in den Container wandert: auch das ist in Ordnung.
Es ist nur dann eine bewusst getroffene Entscheidung, wenn es nicht einfach passiert ist, weil der Termin drängte und in der Hektik niemand genau hingeschaut hat. Der Dachboden ist für jeden echten Kunst- und Design-Interessierten ein heiliger Ort voller Möglichkeiten. Gönnen Sie sich einen Moment, um diesen historischen Raum zu würdigen – er ist einen zweiten Blick wert.
Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.
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