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Glanzstücke im Hinterhof: Wie Münchens Goldhandwerk die Moden der Zeit überdauert

Joachim Rodriguez y Romero
Joachim Rodriguez y Romero
Fr., 19. Juni 2026, 15:27 CEST

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Man muss die Augen schließen, um das wahre Herz des Münchner Goldhandwerks zu hören. Es ist kein lautes, industrielles Dröhnen. Es ist das rhythmische, fast meditative Tack-Tack-Tack eines winzigen Ziselierhammers, das durch einen versteckten, efeubewachsenen Hinterhof in Neuhausen hallt. Dazu mischt sich das leise Fauchen des Gasbrenners, gefolgt vom zischenden Geräusch, wenn glühendes Metall im Wasserbad abgeschreckt wird. Es riecht nach warmer Polierpaste, Bienenwachs und der unverkennbaren, leicht metallischen Note von geschmolzenem Edelmetall.

Wer diesen Raum betritt, verlässt die Welt der sterilen Massenproduktion und der seelenlosen Luxus-Logos, die nur wenige Kilometer weiter die Schaufenster der Maximilianstraße dominieren.

Hier, am hölzernen Werktisch, dessen tiefe Kerben und Brandspuren von Jahrzehnten leidenschaftlicher Arbeit erzählen, entsteht etwas, das in unserer schnelllebigen Zeit selten geworden ist: bleibender Wert, gegossen in Kunst.”

München wird oft als Stadt des großen Geldes, der schicken Autos und der High-Tech-Konzerne wahrgenommen. Doch abseits der bekannten Klischees verbirgt sich in den Vierteln der Isarmetropole eine Szene, die Kenner weltweit ehrfürchtig raunen lässt. Dies reicht von den verwinkelten Gassen Schwabings über das lebendige Glockenbachviertel bis hin zu den bürgerlichen Altbauten in Neuhausen. München ist nicht einfach nur ein Ort, an dem Schmuck verkauft wird.

München ist das unbestrittene, lebendige Epizentrum des zeitgenössischen Autorenschmucks und des hochentwickelten Goldhandwerks
München ist das unbestrittene, lebendige Epizentrum des zeitgenössischen Autorenschmucks und des hochentwickelten Goldhandwerks
Foto von Getty Images @gettyimages, via Unsplash

München ist das unbestrittene, lebendige Epizentrum des zeitgenössischen Autorenschmucks und des hochentwickelten Goldhandwerks. Eine Stadt, in der Tradition nicht als verstaubtes Relikt, sondern als glühendes Fundament für radikale Innovation verstanden wird.

Inhaltsverzeichnis Einblenden
1 Von Hoflieferanten zur Weltbühne des Schmucks
2 Die grüne Transformation des edlen Metalls
3 Zwei herausragende Vertreter ihrer Zunft: Wo das Gold eine Seele bekommt
3.1 Zwei Wege der Perfektion
3.2 Die Meister der Schichten – Goldschmiede Pfefferle
3.3 Die Geschichtenerzählerin aus Neuhausen – Alexandra Schmitt
4 Expertendiskurs: Hat das Analoge noch eine Zukunft?
4.1 Die Perspektive der Lehre: Das ewige Fundament
4.2 Die Perspektive der Praxis: Die Sehnsucht nach dem Echten
5 Das unvergängliche Leuchten der Isarmetropole
5.1 Das könnte Sie auch interessieren:

Von Hoflieferanten zur Weltbühne des Schmucks

Diese Sonderstellung ist kein Zufallsprodukt der Neuzeit, sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Symbiose aus herrschaftlicher Förderung und bürgerlichem Fleiß. Als königliche Residenzstadt zog München schon im 18. und 19. Jahrhundert die fähigsten Gold- und Silberschmiede Europas an. Wer für den bayerischen Hof arbeiten durfte, musste die absolute Perfektion beherrschen. Diese extrem hohen Qualitätsstandards haben sich tief in die DNA der lokalen Betriebe eingebrannt und wurden von Generation zu Generation weitergegeben.

Doch der entscheidende Schritt von der klassischen Handwerkstradition zur künstlerischen Avantgarde vollzog sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und wirkt bis in die Gegenwart hinein. Zwei Institutionen spielen dabei eine Schlüsselrolle, deren Relevanz gerade in den letzten Jahren noch einmal massiv an Bedeutung gewonnen hat: die Galerie Handwerk der Handwerkskammer für München und Oberbayern sowie die renommierte Danner-Stiftung.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1968 begleitet die Galerie Handwerk das Thema Schmuck auf internationalem Spitzenniveau. Sie ist das Schaufenster, das die Grenzen zwischen angewandter Kunst und reinem Handwerk fließend werden lässt. Die Danner-Stiftung wiederum, die seit über einhundert Jahren das Kunsthandwerk fördert, hat München mit ihrer spektakulären Dauerleihgabe der Danner-Schmucksammlung in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne ein weltweites Denkmal gesetzt.

Über 200 avantgardistische Meisterwerke zeigen dort, dass Schmuck weit mehr sein kann als bloßer Zierrat – er ist tragbare Skulptur, Statement und gesellschaftlicher Spiegel.

Einmal im Jahr, jeweils im März, wird dieser Anspruch auf die ganz große Bühne gehoben. Die Sonderschau SCHMUCKmünchen auf der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München gilt weltweit als das herausragendste Ereignis der Szene. Erst kürzlich, im März 2026, zog die Messe unter der Kuration des international gefeierten Schmuckkünstlers Sam Tho Duong erneut Tausende von Sammlern, Galeristen und Kunsthandwerkern aus allen Kontinenten an.

Aus über 1.000 anonymen Bewerbungen wurden lediglich 70 Arbeiten ausgewählt. Wer hier ausstellt oder gar den begehrten Herbert-Hofmann-Preis gewinnt, gehört zur absoluten Weltspitze. Dieses hochkarätige Umfeld sorgt dafür, dass das Niveau in den Münchner Werkstätten konstant auf einem Level stagniert, das keinen internationalen Vergleich scheuen muss.

Die grüne Transformation des edlen Metalls

Wer glaubt, das Goldhandwerk verharre starr in seinen alten Mustern, der irrt gewaltig. Die Jahre zwischen 2021 und 2026 haben die Branche vor fundamentale Herausforderungen gestellt – und gleichzeitig eine kreative Explosion ausgelöst. Die weltwirtschaftlichen Turbulenzen der jüngsten Vergangenheit trieben den Goldpreis auf historische Rekordhöhen (gut zu sehen mit dem Gold Rechner München). Für viele traditionelle Betriebe bedeutete dies ein radikales Umdenken.

Wenn das Rohmaterial zum extremen Luxusgut wird, rückt der ideelle und gestalterische Wert des Handwerks noch stärker in den Fokus.”

Der wichtigste Megatrend der aktuellen Münchner Szene lässt sich mit dem Begriff Urban Mining oder schlicht mit dem ehrlichen Handwerksbegriff der „Schmuckumarbeitung“ beschreiben. Das Motto lautet: Kreislaufwirtschaft statt Raubbau.

In den Schubladen und Schmuckkästchen der Münchner schlummern wahre Schätze – nicht in Form von Barren, sondern als ungetragene Erinnerungen“,

erklärt eine Branchenstimme aus der Münchner Innung.

Das geerbte Collier der Großmutter, das vom Design her nicht mehr in die Gegenwart passt, oder der einzelne Ohrring, dessen Gegenstück längst verloren ging.“

Die modernen Münchner Goldschmiede haben sich darauf spezialisiert, diese alten Schätze einzuschmelzen, das Gold im eigenen Atelier zu reinigen, neu zu legieren und daraus zeitgemäße Unikate zu formen. Das schont nicht nur die verbliebenen Ressourcen unseres Planeten, sondern transportiert auch die emotionale Geschichte des alten Schmuckstücks in eine neue, tragbare Form.

Gleichzeitig fordern die Kunden in den Ateliers heute lückenlose Transparenz. Woher stammt das Gold? Unter welchen Bedingungen wurden die Edelsteine geschürft? Betriebe, die sich zukunftssicher aufstellen wollen, setzen vermehrt auf zertifiziertes Fairtrade-Gold oder verwenden ausschließlich streng kontrolliertes, recyceltes Scheideanstalt-Gold. Nachhaltigkeit ist im Münchner Goldhandwerk längst kein Marketing-Gag mehr, sondern eine Frage der handwerklichen Ehre geworden.

Zwei herausragende Vertreter ihrer Zunft: Wo das Gold eine Seele bekommt

Um zu verstehen, wie diese Entwicklungen in der Praxis aussehen, lohnt sich ein Besuch bei zwei kontrastierenden, aber typisch Münchnerischen Betrieben.

Zwei Wege der Perfektion

Betrieb Goldschmiede Pfefferle Atelier Alexandra Schmitt
Viertel Lehel / Altstadt-Nähe Neuhausen
Philosophie Verbindung fernöstlicher Schmiedekunst mit Münchner Tradition Ganzheitliches Upcycling und persönliche Biografie-Schmuckstücke
Kerntechnik Schichten, Verschweißen und Torsionieren verschiedener Edelmetalle Schmelzen, Umgießen, Naturabgüsse und organische Strukturen
Zielgruppe Liebhaber opulenter, absolut einzigartiger Musterungen Kunden mit dem Wunsch nach nachhaltiger Transformation von Erbstücken

Die Meister der Schichten – Goldschmiede Pfefferle

In der Liebherrstraße, unweit des Isartors, betreibt die Goldschmiede Pfefferle ein Handwerk, das tiefe Wurzeln hat – der Betrieb existiert bereits seit 1859. Doch berühmt ist das Atelier für eine Technik, die ursprünglich aus dem Japan des 17. Jahrhunderts stammt und hier in München zur Perfektion getrieben wurde: Mokume-Gane (was übersetzt so viel wie „Holzmaserung in Metall“ bedeutet).

Dabei werden verschiedene Edelmetallplatten – wie Gelbgold, Weißgold, Palladium oder Silber – übereinandergelegt, unter Hitze und hohem Druck untrennbar miteinander verschweißt und anschließend durch Schmieden, Torsionieren (Verdrehen) und Fräsen bearbeitet. Das Ergebnis sind Ringe und Schmuckstücke, deren Oberfläche an die organischen Linien von Baumringen erinnert.

Kein einziges Stück gleicht dem anderen; jedes Muster ist so einzigartig wie ein menschlicher Fingerabdruck. Bei Pfefferle verschmelzen die über 160-jährige Münchner Betriebshistorie und fernöstliche Präzision zu einem hochmodernen Statement gegen die Beliebigkeit.

Die Geschichtenerzählerin aus Neuhausen – Alexandra Schmitt

Einen völlig anderen, sehr zeitgemäßen Ansatz verfolgt Alexandra Schmitt in ihrem stimmungsvollen Atelier in München-Neuhausen. Sie ist eine der Vorreiterinnen der Münchner Umarbeitungswelle. Wer zu ihr kommt, bringt meist eine persönliche Geschichte mit. Schmitt nimmt sich bewusst viel Zeit für die Beratung – oft dauert das Gespräch mehrere Wochen, bis der perfekte Entwurf steht.

In ihrer Werkstatt wird das mitgebrachte Familiengold rituell eingeschmolzen. Schmitt liebt das Spiel mit organischen Strukturen; manche ihrer Stücke wirken wie aus der Natur gegossen, erinnern an Beeren, Rinden oder Meeresoberflächen. Hier wird das Goldhandwerk zum therapeutischen Prozess: Der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen oder die Freude über einen Neuanfang werden direkt in das Edelmetall eingeschmiedet. Es entsteht ein zutiefst emotionales Kunstwerk, das weit über den reinen Materialwert des Goldes hinausgeht.

Expertendiskurs: Hat das Analoge noch eine Zukunft?

Wie sieht die Zukunft eines Handwerks aus, das auf jahrtausendealten Techniken basiert, während die Welt um es herum digitalisiert wird? Zwei Experten aus der Münchner Szene zeichnen ein klares Bild.

Die Perspektive der Lehre: Das ewige Fundament

Ein langjähriger Dozent im Umfeld der Münchner Meisterschule und Kenner der internationalen Ausstellungen betont, dass die Digitalisierung das Handwerk nicht bedroht, sondern bereichert, solange die Basis stimmt:

Wir sehen natürlich, dass auch im Goldhandwerk Softwarelösungen und moderne Verfahren Einzug halten. Ein perfekter Entwurf am Computer hat seine Berechtigung. Aber die entscheidende Qualität – das, was wir bei den Danner-Talks oder auf der SCHMUCKmünchen als ,künstlerische Haltung‘ und ,handwerkliche Seele‘ diskutieren – das lässt sich nicht programmieren. Das Gefühl dafür, wie sich das Metall unter dem Hammer verhält, wie es auf Hitze reagiert, wie es das Licht bricht: Das lernt man nur durch jahrelange, körperliche Erfahrung am Werktisch. Münchens Stärke ist, dass unsere jungen Talente diese harte Schule durchlaufen, bevor sie anfangen zu experimentieren.“

Die Perspektive der Praxis: Die Sehnsucht nach dem Echten

Josef Friedrich, Goldschmiedemeister mit fast zwei Jahrzehnten Erfahrung und Betreiber von JF Das Atelier im Glockenbachviertel, sieht in der technologischen Überreizung unserer Gesellschaft sogar den bedeutendsten Treiber für den aktuellen Erfolg des traditionellen Goldhandwerks:

Je digitaler und virtueller unser Alltag wird, desto größer wird bei den Menschen die Sehnsucht nach dem Haptischen, dem Echten, dem Unperfekten im besten Sinne. Ein Trauring, der von einem Algorithmus generiert und von einem Roboter aus dem Block gefräst wurde, hat keine Fehler – aber er hat eben auch keine Geschichte. Meine Kunden wollen wissen, wer ihr Schmuckstück geschmiedet hat. Sie wollen die winzigen Spuren des Handwerks sehen. Das Unikat ist der ultimative Luxus der Gegenwart. Und genau deshalb wird das klassische Goldhandwerk in München nicht aussterben, sondern eine Renaissance erleben.“

Das unvergängliche Leuchten der Isarmetropole

Das Münchner Goldhandwerk der Jahre 2021 bis 2026 zeigt eindrucksvoll, dass echter Luxus nichts mit Protz zu tun hat, sondern mit Haltung, Nachhaltigkeit und meisterlichem Können. Die Ateliers der Stadt haben den dramatischen Anstieg der Rohstoffpreise nicht als Krise begriffen, sondern als Chance, sich auf ihre Kernkompetenz zu besinnen: die Erschaffung von unverwechselbaren Einzelstücken mit emotionaler Tiefe.

Durch die kluge Verknüpfung von gelebter Nachhaltigkeit beim Gold-Recycling, der Pflege jahrhundertealter Spezialtechniken und der Offenheit für die weltweite Avantgarde des Autorenschmucks bleibt München auch in Zukunft das, was es seit den Zeiten der bayerischen Könige ist: eine Stadt, in der das Handwerk goldenen Boden hat – und in der die schönsten Geschichten im Verborgenen der Hinterhöfe geschmiedet werden.

Wer das nächste Mal durch die Straßen der Isarmetropole schlendert, sollte den Blick von den weitläufigen Prachtmeilen abwenden und nach den kleinen Werkstattschildern Ausschau halten. Denn dort wartet der wahre, unvergängliche Glanz dieser Stadt.

Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011.
Joachim Rodriguez y Romero

Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.

www.kunstplaza.de/

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