Cindy Sherman – Fotokünstlerin zwischen Rollenbildern und Körperlichkeit

Erstellt von
/ / Kommentar hinterlassen

Fotografie – das ist die Kunst, die von vielen Menschen als fast vertraut empfunden wird, weil sie oft genug selbst schon einen Fotoapparat in der Hand hatten. Um so mehr interessieren sich diese Menschen dafür, was ihre eigenen Bilder von denen der Fotokünstler unterscheidet, und erfahren gerne etwas über die Person und die Arbeit dieser Fotokünstler. Zu den Größen auf diesem Gebiet zählt die Amerikanerin Cindy Sherman, die vor allem mit verschiedenen Fotoserien Furore machte, in denen sie sich überraschend und aufstörend mit Rollenbildern und Identitätsfragen und in diesem Zusammenhang auch mit Sexualität und Körperlichkeit beschäftigt.

Cindy Sherman wurde 1954 in einem kleinen Ort in New Jersey geboren, wuchs jedoch in Huntington (auf Long Island vor New York) auf. Sie hieß damals noch Cynthia Morris und war die Jüngste von fünf Geschwistern, zwischen ihr und dem ältesten Morris-Nachkommen liegen 19 Jahre. Ihr Vater war ein begeisterter Kamerasammler, mit 10 Jahren bekam sie ihren ersten Fotoapparat. Sie nutzte ihn sofort eifrig, um ihre Fantasie auszuleben, aber auch um ihren Platz in dieser schon zwei Jahrzehnte existierenden Familie zu suchen. Bereits in dieser Zeit entstand ihr Fotobuch “That’s Me”, auf der Highschool dachte die einfallsreiche Schülerin das erste Mal daran, Künstlerin zu werden.

So begann Cindy im Herbst 1972 ein Kunststudium in Buffalo, an der State University of New York. Erst übte sie sich auch in der Bildhauerei und im Malen und Zeichnen, sie erkannte jedoch schnell, dass die Fotografie ihr eigentliches künstlerisches Medium geworden war und bleiben würde. Nach ihrem Abschluss zog sie 1976 nach New York und heiratete einen Videokünstler, diese und weitere Ehen wurden geschieden, heute lebt Cindy Sherman immer noch in New York, zuletzt zusammen mit dem Musiker und Schauspieler David Byrne.

Cindy Sherman in Amsterdam im April 2009

Cindy Sherman in Amsterdam im April 2009;
von Viola Renate in Amsterdam, Niederlande (CS Amsterdam) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Schon als Kind liebte Cindy Verkleidungen, aber nicht die schönen mit Rüschen, sondern vor allen die hässlichen, komischen, schrägen. Sie beginnt ihr bekannt gewordenes künstlerisches Werk mit einer Reihe von Selbstporträts in den verschiedensten Kostümen, während des Studiums entstand 1975 die Serien Untitled A-D und 1976 die Serie Bus Riders. Von da an geschieht es häufig, dass Sherman selbst in ihren Werken auftaucht, nicht um erkannt zu werden, sondern als Oberfläche für Schminke und Frisuren und Perücken und die verrücktesten Kleider, diese Accessoires gaben Sherman in jedem Foto ein vollkommen anderes Aussehen. Die “Bus Riders” waren z. B. Frauen in ganz unterschiedlichen Altersstufen, mit unterschiedlicher Hautfarbe und an der Kleidung erkennbar unterschiedlich sozialer Herkunft, die alle von Sherman verkörpert wurden (übrigens bis ins kleinste Detail, auch die jeweilige Körperhaltung musste immer stimmen).

Von 1977 bis 1980 entstand Shermans wahrscheinlich bekannteste Arbeit, die “Untitled Film – Stills”. Das sind 69 einzeln nummerierte, aber sonst nicht betitelte Fotografien, in diesen Standbildern fiktiver Filmszenen tritt Sherman als Schauspielerin auf. Sie verkörpert dabei in ihrer Verkleidung in jedem Bild einen anderen Gemeinplatz, der direkt einem B-Movie der 1940er oder 1950er Jahre entsprungen sein könnte. Nach eigener Aussage hat Sherman nur deshalb mit Nr. 69 aufgehört, weil ihr keine Klischees mehr eingefallen sind. Gleich danach entstanden die “Rear-Screen Projections” (1980), diesmal in Farbe, es handelt sich ebenfalls um Inszenierungen, die durch die der Filmproduktion entnommenen Technik der Rückprojektion eigenartig flache und unecht wirkende Hintergründe bekamen.

1981 gab es einen kleinen Skandal, als Sherman für das Magazin Artforum einige Bilder aus der Vogelperspektive aufnahm, in denen das Modell – wiederum Sherman in verschiedenen Selbstinszenierungen – sich in verschiedenen Posen am und auf dem Boden bewegte. Die Perspektive der Kamera wirkt sehr dominant, das Modell verträumt oder ängstlich, vielleicht auch unterwürfig, dass die Posen an die Abbildungen im Playboy denken ließen, war durchaus beabsichtigt. Trotzdem wurden diese Bilder damals nicht veröffentlicht, die Herausgeberin des Artforums hatte Angst, sie seien zu sexistisch. Brav genug waren die 1983 folgenden “Fashion Photos”, die weitaus subtiler mit den Stereotypen spielen, unter denen Weiblichkeit gesellschaftlich gesehen wird.

1985 entdeckt Sherman ihren zweiten Schwerpunkt, den Körper in allen seinen Erscheinungen. Bis 1989 arbeitete sie an den “Disasters”, diese Katastrophen bestanden aus fein arrangierten Prothesen, Ausscheidungen, Erde, Abfällen und vor sich hingammelnden Nahrungsmitteln, die furchtbare Abbildungen des Verfalls darstellen. Sherman sah den Auslöser für diese Arbeiten im Ekel, den sie bei der Betrachtung der Körper überdünner Modelle im Zusammenhang mit den “Fashion Fotos” empfand, sie behielt solche Schockeffekte in ihrer Arbeit von nun an bei, wollte sie jedoch grundsätzlicher humorvoller gesehen sehen als die Körperquälerei in der Modefotografie.

Ab 1988 folgten Sherman “History Portraits”, in denen sie sich nach Art Alter Meister in Vorlagen historischer Gemälde verwandelte, ihr Rollenspiel-Thema wurde nun also auf die Kunstgeschichte übertragen, in einer meisterhaften Komplexität der Inszenierung. Die “Sex Pictures” oder “Mannequin Pictures” von 1992 wollen wieder schockieren, Sherman arrangiert Schaufensterpuppen, Prothesen und anatomische Modelle, die sexuelle Handlungen ausführen.

Inzwischen war Sherman auf der documenta und auf den Biennalen in Venedig und in New York und wurde seitdem fast ohne Unterbrechung in vielen Teilen der Welt gezeigt, 1994 gehört sie mit 40 Jahren zu den Klassikerin der fotografischen Gegenwartskunst. 1995 wurde die erste Werkschau ihrer Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt, das Museum of Modern Art erwarb einen Abzug der vollständigen “Untitled Film Stills”-Seire für einen Rekordpreis und würdigte Sherman 1997 mit einer Einzelausstellung.

Für einen Fotografen scheint die Welt der bewegten Bilder nicht ganz fern zu liegen, auch Sherman erzählt, dass der Film auf sie einen großen Einfluss ausgeübt habe. Ihr selber läge das bewegte Spiel und das Erzählen in Dialogen jedoch nicht sehr, deshalb tritt die so oft in den eigenen Fotos erscheinende Künstlerin zunächst im Film auch nur als “sie selbst” auf, 1986 in einem für das öffentlich Fernsehen produzierten Video vom und über das New Yorker Kunstzentrum “The Kitchen” (The Kitchen Presents: Two Moon July) und 1998 in John Waters’ Film “The Pecker”, einer Komödie über einen schrillen Amateurfotografen. 1997 führt sie dann Regie beim Spielfilm “Office Killer”, einem blutigen Thriller, der aber auf den Internationalen Filmfestspielen in Locarno gezeigt wird und bei den Kinobesucher gut ankam.

1999 wird Sherman von der Zeitschrift ARTnews unter die zehn besten lebenden Künstler gewählt, im gleichen Jahr wird sie in die Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig berufen. Im Jahr 2000 entstand eine neue “Untitled-Serie”, die Sherman als verschiedenste Frauen in der Gesellschaft, mit jeglicher Hautfarbe und jeglicher sozialen Herkunft zeigt, 2004 fotografierte Sherman sich für ihr Projekt “Clowns” (2004) in Clownmasken und Clownskostümen vor computergenerierten, bunten Hintergründen. 2007 findet im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Werkschau statt, in der Arbeiten der Künstlerin aus 30 Jahren (1975 – 2005) zu sehen sind, 2012 wird “That’s me-That’s Not Me” und andere frühe Werke von Cindy Sherman in der Vertikalen Galerie in Wien ausgestellt, und das Museum of Modern Art in New York widmet der Künstlerin eine Retrospektive.

Im nachfolgenden Kurzvideo erhalten Sie einen kleinen Einblick in die Werke und das Schaffen dieser außergewöhnlichen Künstlerin. Die Aufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art.

Weitere Videos und Produktionen von Cindy Sherman können Sie direkt auf der Website des Museum of Modern Art einsehen.

Die mit vielen Preisen ausgezeichnete Künstlerin hat immer betont, dass Sie eher spontan arbeite, als lange über jede ihrer Inszenierungen nachzudenken, und doch liefert sie in ihrer Arbeit eine eindrückliche und tiefe Analyse der Menschen in unserer Gesellschaft.

Cindy Sherman - Fotokünstlerin zwischen Rollenbildern und Körperlichkeit

Die folgenden beiden Tabs ändern die nachfolgenden Inhalte.

Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

Kommentar hinterlassen

*

Aus dem Kunstblog

Ähnliche Beiträge:

Online Galerie