Maurits Cornelis Escher oder: Es ist alles eine Frage der Perspektive

Erstellt von
/ / Kommentar hinterlassen

Haben Männer wirklich ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen als Frauen?

Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen als Frauen? Nun ja, möglicherweise ist das wirklich so, wahrscheinlich ergeben sich abhängig davon, wie man räumliches Vorstellungsvermögen ganz genau definiert und in welcher Weise dessen Existenz überprüft wird, höchst unterschiedliche Ergebnisse. Aber selbst wenn sich diese Annahme bestätigen sollte, heißt das nicht, dass sich Frauen mit einem Mangel an räumlichem Vorstellungsvermögen kampflos abfinden müssten. Denn die Einschätzung der dritten Dimension lässt sich trainieren, sogar von vollkommen Unbegabten, bei denen das Gehirn die benötigten Verbindungen erst komplett neu aufbauen muss.

Trainieren lässt sich dieses räumliche Vorstellungsvermögen natürlich hervorragend durch Kunst, durch dreidimensionale Kunst, bzw. eingeschränkt dreidimensionale Kunst. Denn einfach nur dreidimensionale Kunst wäre zu einfach, ein Würfel im Raum ist schlichtweg da, und er ist immer dreidimensional, und unser Gehirn nimmt ihn auch immer und ohne besonderes Training als dreidimensional wahr. Dagegen bietet eine lediglich auf dem Papier dreidimensional erscheinende Darstellung ganz andere Möglichkeiten zur Anregung der entsprechenden Gehirnareale.

Kunst zum Training des räumlichen Vorstellungsvermögens

Es gibt viele Kunstwerke, die unsere räumliche Wahrnehmungskraft anregen, im Grunde die Werke aller Künstler, die die Gesetze der Perspektive entdeckt haben und anwenden. Also auf jeden Fall die Werke der meisten Künstler, die seit Beginn der Renaissance, der ersten Kunstepoche der Neuzeit, ihre Malereien angefertigt haben. Denn in der Renaissance wurde die Zentralperspektive entdeckt, und mit dieser Entdeckung begannen “Malerarchitekten” wie Giotto oder Filippo Brunelleschi (der sogar als der Erfinder der Perspektive benannt wird) Werke zu schaffen, die die traditionellen Motive einer christlichen Ikonografie auf einmal in einer räumlich korrekt aufgebauten Architekturkulisse abbildeten.

Fotoportrait von Maurits Cornelis Escher

Fotoportrait von Maurits Cornelis Escher
von Hans Peters (ANEFO), Nationaal Archief NL [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Auch Albrecht Dürer war für seine perspektivische Darstellung berühmt, er veröffentlichte sogar 1525 ein Buch mit der ersten Zusammenfassung der mathematisch-geometrischen Verfahren der Zentralperspektive, die “Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt”, und das Gros der nachfolgenden Künstler richtete sich nach diesen Erkenntnissen.

Es gibt jedoch Künstler, deren Werk sich besonders eignet, wenn Sie sich mit dem Raum und seiner Darstellung und der Wahrnehmung dieser Darstellung auseinandersetzen möchten. Zu ihnen gehört Maurits Cornelis Escher, der außergewöhnliche räumliche und dabei sehr witzige und manchmal schalkhaft ironische Zeichnungen und Grafiken geschaffen hat, die den Raum scheinbar korrekt abbilden und ihn dabei manchmal auf den Kopf stellen.

Maurits Cornelis Escher ist uns besser bekannt als M. C. Escher, und viele Menschen kennen seine verdrehten Zeichnungen, auf denen unmögliche Treppen und ebenso undenkbare Körperteile zu sehen sind, oder zweifelhafte Welten über und unter Wasseroberflächen oder auch Häuser, bei denen außen innen und innen außen ist.

Das Besondere: Das alles ist räumlich dargestellt, und es ist in einer Weise räumlich dargestellt, dass das, was eigentlich unmöglich erscheint, so aussieht, als wenn es wirklich passieren könnte: Die Hand kann sich selbst zeichnen, die ineinander verwundenen Knoten nehmen nie ein Ende und die Treppe kann endlos rundherum begangen werden, ohne dass es auf oder ab geht.

Belvedere, optische Täuschung von M. C. Escher

Bei M. C. Escher passiert eben einfach immer etwas mehr, als sich der Mensch eigentlich vorstellen kann, und etwas mehr, als tatsächlich möglich ist, aber rein von der Zeichnung her sieht das alles wunderbar logisch aus. Auf jeden Fall macht das Betrachten seiner Zeichnungen ziemlich viel Freude, und es regt auch nachdrücklich zum Überlegen an, wie dem Künstler diese Darstellung gelungen ist, wer zu lange hinguckt, gerät schnell in einen Zustand der Meditation.

Eschers Bilder begeistern Techniker und Mathematiker und Naturwissenschaftler und abseits dieser alle Menschen, die keine kitschigen Schnörkel mögen, sondern sehr präzise gezeichnete Bilder. Eschers Bilder passen übrigens auch zu jedem Wohnstil, und sie geben jeder Einrichtung einen individuellen Ausdruck, und wer Escher an der Wand hängen hat, zeigt auch gleich, dass er über die Welt nachdenkt und einen ironischen Abstand zu sich selbst wahren kann.

Wie und wo optische Täuschungen zustande kommen und wozu sie genutzt werden wird in den beiden nachfolgenden Videos von Prof. Bernd Lingelbach von der Fachhochschule Aalen erklärt (TV Beitrag des Senders ZDFinfo):

M. C. Escher – ein Künstler mit zögerlichem Start

M. C. Escher selbst ist erst auf Umwegen zu seinem elaborierten und erstaunlichen Werk gekommen, mit dem er tief in die Herzen der Intellektuellen in der Kunst vorgedrungen ist: Er wurde 1898 im niederländischen Leeuwarden geboren, Stadt in und Verwaltungssitz der Provinz Friesland. Der jüngste von fünf Söhnen eines Wasserbau-Ingenieurs erwies sich als ausnehmend schlechter Schüler, der zwei Klassen wiederholen durfte und sogar im Schulfach Kunst miese Noten produzierte.

Da war seine Begabung wohl noch nicht erkannt worden, und auch sein 1919 begonnenes Architekturstudium beendete Escher bereits nach einer kurzen Woche. In dieser Woche hatte sein Dozent Samuel Jessurun de Mesquita aber seine außerordentliche Begabung zum Glück bereits erkannt, und dass de Mesquita ihn von nun an privat in grafischem Zeichnen und grafischen Techniken unterrichtete, hat entscheidenden Einfluss auf Eschers Entwicklung gehabt, schon de Mesquita war ein ausgesprochener Freund von einem guten Schuss Ironie in der Bildgestaltung.

Weitere, Kennern bekannte, Elemente aus Eschers Bildern gehen auf seine Beschäftigung mit arabischer Ornamentik zurück, die er auf seinen Reisen ab 1921 z. B. in der Alhambra kennenlernte. Auf seinen Reisen hatte Escher auch Italien kennengelernt, das ihm so gut gefiel, dass er sich mit seiner Frau nach der Hochzeit 1924 in der Nähe von Rom niederließ, 1926 kam der erste und 1928 der zweite Sohn. Während dieser Zeit wurde Escher auch schon ein wenig bekannt, bis 1929 konnte er fünf Mal ausstellen, in der Schweiz und in den Niederlanden. Und das, obwohl er bis spät in die 1930er Jahre noch nicht zu seiner bezeichnenden grafischen Kunst gefunden hatte, er malte damals vor allem mediterrane Landschaftsbilder.

Escher entdeckt die Perspektive und deren Umkehrung

Mit Aufkommen des italienischen Faschismus zogen die Eschers in die Schweiz, und eine Reise mit einem erneuten Besuch der Alhambra soll 1936 für die Veränderung in Eschers Thematik verantwortlich sein: Er begann seine Periode der Metamorphosen, ornamentale Darstellungen mit ersten Zeichen und Zeichnungen von fantastischen Figuren.

1937 folgten ein weiterer Umzug in die Nähe von Brüssel und Experimente mit Flächenfüllungen, von Brüssel ging es 1940 kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten ins niederländische Baarn, wo Escher den Krieg durchlebte und einen Großteil des Werks seines ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppten und dort ermordeten Lehrers de Mesquita rettete.

Nach dem Krieg wandte sich Escher in verstärktem Maße der perspektivischen Darstellung zu und erhielt damit immer mehr Aufträge, er verkaufte viele seiner Drucke für gute Bezahlung und wurde bis 1950 auch in den USA zu einem gefragten Künstler. Jetzt entstanden seine vielfältigen grafischen Arbeiten, Escher war ein Meister des Holzschnitts und des Holzstichs und der Lithografie und beherrschte eine breite Palette grafischer Stile.

Seine Werke zeigten nun immer mehr perspektivische Unmöglichkeiten, die optische Täuschung als Wahrnehmungsphänomen wurde sein Markenzeichen und brachte ihm einen ähnlichen Status wie den eines Popstars ein. Gerne beschäftigte sich Escher auch mit Phänomenen wie Möbiusbändern oder Fraktalen, optischen Verzerrungen und Spiegelungen, es gibt z. B. ein Selbstporträt von ihm als Spiegelung in einer Glaskugel.

Escher wird zum Star, trotz aller Kunstkritik

Obwohl Maurits Cornelis Escher für seine Verwirrspiele von seinen Anhängern geradezu verehrt wurde, blieb er für die Theoretiker der Kunstgeschichte immer ein Problem, denn optische Täuschungen und perspektivische Unmöglichkeiten sind nun einmal keine klassischen Themen der Kunst, sie passen auch in keine traditionelle Schublade, viele Kunstkritiker verwehren Escher deshalb bis heute den Status eines Künstlers.

“Macht nichts”, würde Escher wahrscheinlich sagen und hätte es vielleicht viel interessanter gefunden, von Generationen von Mathematikern und Wissenschaftlern für seine exakten Arbeiten und seine sinnliche und sinnerfreuende Annäherung an mathematische Themen und wissenschaftliche Probleme bewundert zu werden. Escher behauptete übrigens, selbst keine Ahnung von Mathematik zu haben, dennoch wurde er durchaus häufiger zu mathematischen Vorlesungen eingeladen, ob er diesen Einladungen nachgekommen ist, ist nicht übermittelt. Bekannt ist allerdings, dass er in ganz Europa zahlreiche Vorlesungen über seine eigene Arbeit hielt, die außerordentlich gut besucht wurden, neben Wissenschaftlern übrigens auch von Esoterikern und Adepten der Popkultur.

Der Künstler starb 1972 im niederländischen Hilversum. 2002 wurde in Den Haag das Escher-Museum eröffnet, in dem sein grafisches Werk gezeigt wird, aber auch viele private Fotos und vor allem (für die Neugierigen) Arbeitsstudien, in denen ein Eindruck davon vermittelt werden soll, wie Escher seine scheinbar unmöglichen Geometrien gestaltete.

Falls Sie M. C. Escher noch nicht sehr gut kennen, lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit seinem Werk genauer zu beschäftigen, und das nicht nur, um das räumliche Vorstellungsvermögen zu trainieren, sondern aus einem viel einleuchtenderen Grund: Maurits Cornelis Escher macht einfach Spaß!

Kunstwerke Sammlung von Maurits Cornelis Escher auf Pinterest

Weiterführende Informationen

-> www.mcescher.com/ (Offizielle Homepage des Künstlers M.C. Escher)
-> www.die-scheune.info/ (Offizielle Homepage von Prof. Bernd Lingelbach)

Maurits Cornelis Escher oder: Es ist alles eine Frage der Perspektive

Die folgenden beiden Tabs ändern die nachfolgenden Inhalte.

Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

Kommentar hinterlassen

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.

*

  • Rainer Ostendorf Der Artikel hat mir gefallen. Schöne Grüsse aus
  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
  • Rainer Ostendorf Ein interessanter Artikel! Vielen Danken für die
  • Ayna Ich interessiere mich sehr für die Antike und der
  • Joachim Vielen Dank für deine Worte, Karin! Das machen wi

Ähnliche Beiträge

Online Galerie – Schaufenster