Nikita Golubev: Dreckige Kunst vom Feinsten

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Nikita Golubev lebt in Moskau, wühlt jeden Tag im Dreck, ihm folgen eine ganze Menge Menschen, die mehr oder weniger begeistert sind von dem, was er macht.

Und doch werden die sozialgestörten Zeitgenossen, die sich geifernd auf diesen Artikel über

a) einen Moskauer Zuhälter auf unterstem Niveau (es soll Leute geben, die glauben, dass es Zuhälter mit Niveau gibt)
b) einen Moskauer Funktionär, der mit großer Aktivität im Korruptionsgeschäft unterwegs ist,
vom Künstler Nikita Golubev bitter enttäuscht:

Sein Dreck befindet sich auf einem Lkw, je länger nicht geputzt, desto besser; und Nikita Golubev “wühlt im Dreck”, weil er die dreckigen Lkws als Leinwand für seine Kunst nutzt.

Auf diesen finsteren Flächen, die eine Geschichte von Überarbeitung und Ausbeutung, Gleichgültigkeit und Verwahrlosung erzählen, entstehen faszinierende Gemälde.

Mit Themen/Motiven, die einen Augenblick in eine bessere Welt entführen:

Oder Werken, die gedankliche Ausflüge in ganz andere Welten eröffnen:

Oder Bildern, die mitten auf der Straße kurz zum Nachdenken, Wundern und Bewundern anregen:

Oder Gemälden, die einfach nur wunderschön sind:

Manchmal ist auch bitterböse Ironie, Anspielung, Verwirrung im Spiel, aber wir wollen Ihnen nicht den Spaß verderben, das Werk von Nikita Golubev selbst auf der Straße oder im Netz zu entdecken. Nikita Golubevs künstlerisches Pseudonym lautet “ProBoyNick” (Instagram: @proboynick) und ist auf jedem seiner Werke zu finden.

Beziehungsweise auf fast jedem seiner Werke, denn manchmal bekommt Golubev beim Malen eines seiner LKW-Gemälde Schwierigkeiten. LKW-Fahrer arbeiten unter Bedingungen, die sie sehr häufig zum Schlaf in den Fahrerkabinen zwingen. Gerade während der Übernachtung steht der LKW als “perfekte Leinwand” herum, weshalb Golubev es sich zur “Vor-Frühstücks-Routine” gemacht hat, jeden Morgen ab sechs Uhr auf der Suche nach Zielobjekten die Nachbarschaft zu durchstreifen.

Sobald er fündig wird, wird ein Stück Dreck in ein Stück Kunst verwandelt. Normalerweise wird die halbe Stunde, die Golubev für ein Gemälde braucht, vom Fahrer friedlich verschlafen. Aber es kann natürlich vorkommen, dass der Fahrer gerade ausgeschlafen hat oder nicht ausgeschlafen, aber eine lange Fahrt vor sich hat, und nun verwundert bemerkt, dass jemand an seinem LKW herummalt.

“Vor dem Frühstück” ist für die meisten Menschen nicht die beste Zeit für Kunst, außerdem: Pricklige Situation für einen LKW-Fahrer, besonders wenn es nicht sein eigener LKW ist: Findet der Chef das gut? Kann das Bild Ärger verursachen? Ist es Kunst, wenn jemand etwas auf einen LKW malt? Geht es mich etwas an, wenn es Kunst ist? Wenn diese Gedanken durch den ungewaschenen, noch nicht mit Kaffee getunten Kopf schießen, während Golubev noch malt, kann man sich gut vorstellen, dass LKW-Fahrer in Stress geraten könnten.

Andererseits sind LKW-Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes welterfahren und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, und so ist Golubev in seiner Laufbahn als “Dirt Painter” erst auf wenige Fahrer gestoßen, mit denen es Diskussionen gab. “Einer wollte mir das Malen verbieten”, erzählte der Künstler in einem Interview, “aber er war sehr klein und ich bin sehr groß …”. Als kleine Rache hat dieser Fahrer dann ProBoyNicks Signatur entfernt, aber das Bild blieb dran.

Es ist ohnehin zu vermuten, dass die meisten LKW-Fahrer eher Spaß an ihrem Kunst-LKW bekommen, wenn der Morgenkaffee erst drin ist … Nun weiß der juristisch gebildete Bürger natürlich, dass es sich bei dem Bemalen offiziell um Sachbeschädigung handelt – aber erstens können freiheitlich denkende Richter die Strafbarkeit z. B. durch Verneinung des Vorsatzes ablehnen (weil Vorsatzes hier wohl kaum vorliegt, Nikita Golubev will den Dreck beschädigen und nicht den LKW), und zweitens macht sich bei solchen Konflikten langsam die Transparenz bemerkbar, die alle Völker ihren Staaten seit Existenz des Internets in immer stärkeren Maße aufzwingen.

Stellen Sie sich den LKW-Maler in Deutschland vor. Verfolgt von einer Staatsanwaltschaft, die es wegen Arbeitsüberlastung nicht schafft, einen bekannten Extremisten festzusetzen, bevor er auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 12 Menschen getötet hat? Jetzt mal schnell den Künstler festzusetzen, führt zunehmend nicht mehr zu einer ausreichenden Beschönigung des Arbeitskontos nach dem Motto “Wir tun doch was”, sondern nur noch zu mehr Ärger, wenn sich die verbliebenen investigativen (meist öffentlich-rechtlichen) Journalisten der Story annehmen.

Mehr Transparenz führt also zu mehr Freiheit für die Individuen, die etwas Ungewöhnliches tun und sich damit vielleicht am Rande der Legalität bewegen, aber dabei niemandem einen Schaden zufügen, während staatliche Organe durch den Druck der Öffentlichkeit dazu angehalten werden, sich zuerst um die wichtigen Aspekte ihrer Arbeit zu kümmern.

Der in Kunst verwandelte Schmutz rollt mitunter recht lange durch die Gegend, obwohl es dem Künstler bei seinem ungewöhnlichen Phantasie-Training eben gerade nicht darum geht, unvergängliche Kunst zu schaffen. Trotzdem: Von wegen ‘beim nächsten Regen alles verschwommen oder abgewaschen’, der Schmutz auf den LKWs scheint stabile chemische Verbindungen einzugehen, die die Golubev-Kunst teils etliche Zeit zu konservieren scheinen. Man könnte unschwer aus dem Netz ganze Fotoreihen zum Werden und Vergehen von Nikita Golubev Kunst ziehen, das Krokodil z. B. ist bestimmt nicht erst letzte Woche gemalt worden.

Die von außerordentlichem Talent zeugenden Straßen-Gemälde werden von Golubev mit dem Finger in die staubigen Oberflächen der Lkws gewischt, und er benutzt nur sehr selten andere Farbe als den Schmutz, den er vorfindet, für seine Dirt Paintings.

Nikita Golubev ist auf keiner Weltbestenliste der Kunst zu finden, hat für diese Bilder keinen Galeristen, er macht Kunst, die wirklich frei ist, Kunst um der Kunst willen. Er schenkt übrigens auch den LKW- und Autofahrern ein Stück Freiheit: Wer keine Lust hat, sein Auto zu putzen, kann von nun an behaupten, dass er mit einer Leinwand für einen “street artist” herumfahre.

Nikita Golubev: Dreckige Kunst vom Feinsten

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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