Im heutigen, oft stark rationalisierten Kunstbetrieb geht der Blick auf den Wert der Intuition im Schaffensprozess leicht verloren. Aus der Perspektive jahrzehntelanger Praxis als Ingenieur und Künstler betrachtet Johann Kralewski das Phänomen des impliziten Wissens an der Schnittstelle von Wissenschaft, Philosophie und Atelierarbeit.
Intuitives Denken als Motor für künstlerische Innovation
Der Essay beschäftigt sich damit, warum reines Faktenwissen den kreativen Schritt nach vorne blockiert und wie das intuitive Denken als Motor für künstlerische Innovation fungiert. Frei nach Picassos Credo „Ich suche nicht, ich finde“ bricht der Text eine Lanze für einen freundschaftlichen Umgang mit tazitem Wissen.
Das zweite Gehirn – Gedanken zum impliziten Wissen in der Kunst. Ein Essay des Künstlers Johann Kralewski. Foto von Alex Shuper @alexshuperart, via Unsplash
Als Quereinsteiger in die Kunst war meine Welt vor etwa dreißig Jahren eher aus Blech und Schrauben gebaut. Ich kam aus einer Welt, in der Dinge funktionieren mussten, in der Lösungen einen konkreten Zweck hatten und Fehler möglichst vermieden werden sollten. Und doch gab es da schon etwas im Hinterkopf. Eine gewisse Nonkonformität vielleicht, die mir den Blick über den Tellerrand attraktiv erscheinen ließ. Damals wusste ich noch nicht, dass gerade dieser Blick einmal wichtiger werden könnte als vieles von dem, was mir die Technik zu bieten hatte.
In meinem ersten Kreativitätskurs, den ich für meine Mitarbeiter gehalten habe, ging es noch konkret um das Blech und die Schrauben. Zum Abschluss verwendete ich einen Satz von Picasso: „Ich suche nicht, ich finde.“ Ein Widerspruch? Scheinbar.
Denn bewusst oder unbewusst sind wir ständig auf der Suche. Im chaotischen Büro nach dem Autoschlüssel. Im Internet nach einem Rezept für Kartoffelsuppe. Nach einer Lösung für ein technisches Problem. Oder nach einer Erklärung für etwas, das sich unserer bisherigen Erfahrung entzieht. Ich verstehe auch die Kunst nicht anders als einen permanenten Suchprozess. Ein Prozess, bei dem das Scheitern nicht unbedingt das Gegenteil des Erfolgs ist, sondern manchmal dessen Ergänzung.
Neben all den Methoden und Techniken zur Lösung unterschiedlichster Probleme und neben der inzwischen rasant sich entwickelnden und gelegentlich fetischistisch geglaubten KI gibt es etwas, das sich nicht so einfach in eine Methode verwandeln lässt: die Intuition.
Eine Problemlösungstechnik für Faule?
Oder vielleicht eine Fähigkeit, die wir verlernt haben, ernst zu nehmen.
Auch in der Wirtschaft wurden und werden wichtige Entscheidungen nicht ausschließlich auf der Grundlage von Zahlen, Fakten und Berechnungen getroffen. Erfahrung, Gefühl und Intuition spielen dabei eine Rolle – manchmal eine entscheidende. Während einer meiner damaligen Kreativitätsschulungen stieß ich auf den Begriff des impliziten Wissens, auch „tazites Wissen“ genannt. Damals habe ich ihn eher beiläufig zur Kenntnis genommen, ohne mir über seine eigentliche Tragweite Gedanken zu machen.
Heute erscheint er mir wesentlich interessanter. Er wurde auch inzwischen von einigen Wissenschaftlern vertieft untersucht. Tazites Wissen ist ein Wissen, das wir besitzen und anwenden, ohne es vollständig erklären zu können. Wir wissen etwas, ohne genau sagen zu können, woher wir es wissen. Wir erkennen etwas, ohne den Weg zu dieser Erkenntnis Schritt für Schritt erklären zu können.
Ein Wissen, von dem wir manchmal selbst nichts wissen
Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Michael Polanyi hat dieses Phänomen ausführlich beschrieben. Er weist darauf hin, dass gerade bei der wissenschaftlichen Arbeit ein wesentlicher Teil des Erkenntnisprozesses nicht vollständig in Regeln und Formeln aufgeht: Ein Problem wird erkannt, man nähert sich ihm an und lässt sich dabei von einem inneren Orientierungssinn leiten.
Das Wort „Wissenschaftler“ in dieser Beschreibung würde ich ohne große Bedenken durch das Wort „Künstler“ ersetzen.
Und dann stieß ich, als dieser Artikel beinahe fertig war, auf einen Gedanken bei Aristoteles. Das war für mich eine kleine Überraschung. Aristoteles unterscheidet zwar zwischen epistēmē, dem Wissen im engeren Sinne, und téchnē, der Kunst bzw. dem Können. Er setzt beide also keineswegs einfach gleich. Aber er behandelt sie als unterschiedliche Formen vernünftiger Erkenntnis. Besonders interessant ist dabei seine Beschreibung der téchnē: Sie ist auf das Hervorbringen von etwas gerichtet – auf etwas, das auch anders sein könnte.
Das kommt dem künstlerischen Prozess erstaunlich nahe. Der Künstler entscheidet – und weiß manchmal erst hinterher, warum. Und manchmal auch gar nicht. Vielleicht führt uns genau hier der Weg zum Titel dieses Textes. Das zweite Gehirn.
Es ist schön zu wissen, dass wir einen Freund haben, der uns in vielen Situationen helfen kann. Einen Freund, dem wir vertrauen können, wenn wir ihm etwas Luft und Zeit lassen. Vor allem aber dürfen wir ihn nicht mit unserem Wissen erdrücken. Denn Wissen hat eine merkwürdige Eigenschaft: Es richtet unseren Blick auf das, was bereits bekannt ist. Es zeigt uns, was funktioniert hat, was bewiesen wurde und was wir aus der Vergangenheit gelernt haben.
Wer sich ausschließlich am vorhandenen Wissen orientiert, läuft deshalb Gefahr, in den Grenzen der Vergangenheit gefangen zu bleiben. Man macht vielleicht weniger Fehler. Aber man macht auch keinen Schritt nach vorn. Das zweite Gehirn dagegen scheint etwas anderes zu tun. Es verbindet Erfahrungen, Eindrücke, Gefühle und Wissen miteinander, ohne uns jedes Mal um Erlaubnis zu fragen. Es arbeitet im Hintergrund. Es sucht Zusammenhänge, während unser Bewusstsein noch glaubt, gar nicht zu suchen.
In diesem Sinne könnte auch Picassos berühmter Satz eine andere Bedeutung bekommen: „Ich suche nicht, ich finde.“
Vielleicht hat Picasso das Suchen einfach seinem zweiten Gehirn überlassen. Und zum Schluss noch ein Satz, diesmal von einem Wissenschaftler:
Die Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“
Johann Kralewski, geb. 1949, lebt und arbeitet als Bildhauer, Maler und Grafiker in Islisberg und Locarno. Seine berufliche Identität bewegt sich auf der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Nach Ausbildungen zum Chemotechniker und Fotografen schloss er 1977 ein Studium der Metallurgie ab und war über Jahrzehnte erfolgreich als Diplom-Ingenieur in der Industrie tätig, wo er zahlreiche Patente anmeldete.
Um die Jahrtausendwende verlagerte Kralewski den Fokus seiner Tätigkeit auf das künstlerische Schaffen. Von 2001 bis 2003 studierte er zunächst am Institut für Bildende Kunst der Philipps-Universität Marburg bei Prof. Eckhard Kremers mit den Schwerpunkten Siebdruck, Lithografie, Zeichnung und Projektentwicklung. In dieser Phase setzte er sich intensiv mit der informellen, anti-intellektuellen Kunst der Art Brut von Jean Dubuffet sowie der expressiven Malerei Francis Bacons auseinander.
Sein künstlerischer Prozess ist heute von einer intuitiven, und oft parallelen Arbeitsweise geprägt. Neben Malerei und Zeichnung realisiert er raumgreifende, interdisziplinäre Installationen, die Skulptur, Klangkunst und Performance verbinden. Seine Arbeiten – insbesondere die reisende Skulpturenserie „Die Pilger“ – werden im öffentlichen und institutionellen Raum ausgestellt und medial rezensiert. In eigenen Texten reflektiert er begleitend die Entstehungsprozesse seiner Zyklen und hinterfragt dabei die Schnittstellen zwischen Kunst, Gesellschaft und dem Unbewussten.
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