Im Januar 2024 gewann die japanische Schriftstellerin Rie Kudan den renommierten Akutagawa-Preis für ihren Roman „Tokyo-to Dojo-to“. In ihrer Dankesrede erklärte sie, dass etwa fünf Prozent des Textes direkt von einer generativen KI stammten. Die Passagen waren kein Versehen, sondern Teil des Konzepts, denn der Roman handelt selbst von der weichen, glättenden Sprache solcher Systeme.
Der Fall zeigt, wie unscharf die Grenze geworden ist. Wer heute über kreatives Schreiben spricht, muss klären, was ein Werkzeug leisten darf und ab wann ein Text nicht mehr der eigene ist.
Sprachmodelle sind längst im Alltag von Autorinnen und Autoren angekommen. Sie schlagen Synonyme vor, glätten holprige Übergänge oder liefern auf Wunsch eine ganze Szene. Für Literaturwettbewerbe, Verlage und Schreibschulen entsteht daraus eine praktische Frage, nämlich wie sich ein überwiegend generierter Text von einem eigenständig verfassten unterscheiden lässt.
Manche Jurys lassen eingereichte Manuskripte deshalb vorab durch den KI-Detektor von Getsolved laufen, um Passagen mit auffällig maschinentypischen Mustern zu markieren und gezielt nachzufragen. Ein solcher Hinweis ersetzt allerdings kein Gespräch mit der Person, die den Text eingereicht hat.
KI und kreatives Schreiben: Wo endet das Werkzeug und wo beginnt die Autorschaft? Bild von Vitaly Gariev, via Pexels
Genau hier liegt die Grenze solcher Prüfungen. Ein Detektor berechnet Wahrscheinlichkeiten, er fällt kein Urteil über Originalität. Ein sehr gleichmäßiger, korrekter Stil kann ebenso auffallen wie ein tatsächlich generierter Absatz, und wer in einer Fremdsprache schreibt, wird schneller verdächtigt. Sinnvoll ist das Ergebnis deshalb als Anlass für eine Rückfrage, nicht als Beweis.
Ein Spektrum statt einer Linie
Die Debatte leidet oft darunter, dass „mit KI geschrieben“ alles und nichts bedeuten kann. Hilfreicher ist ein Blick auf die einzelnen Arbeitsschritte, denn der Anteil der Maschine wächst von Stufe zu Stufe.
Stufe
Rolle der KI
Wer trägt die Autorschaft?
Recherche
Fakten sammeln, Quellen finden
Eindeutig der Mensch
Ideenfindung
Varianten für Figuren oder Wendungen vorschlagen
Der Mensch, solange er auswählt und verwirft
Lektorat
Rechtschreibung, Rhythmus, Wiederholungen prüfen
Der Mensch, die KI wirkt wie ein Korrektor
Co-Writing
Ganze Absätze entwerfen, die überarbeitet werden
Geteilt, abhängig vom Umfang der Überarbeitung
Vollgenerierung
Den Text auf Basis eines Prompts erzeugen
Fraglich, rechtlich meist niemand
Die Tabelle zeigt, dass die eigentliche Grenze nicht beim Einsatz der Technik verläuft, sondern bei der Kontrolle über das Ergebnis. Solange ein Mensch entscheidet, was bleibt, was gestrichen wird und warum, bleibt die KI ein Werkzeug wie Wörterbuch oder Schreibmaschine.
Literatur hat schon immer mit Regeln und Zufall gespielt
Neu ist die Idee eines mitschreibenden Apparats nicht. Tristan Tzara empfahl 1920, Zeitungswörter aus einem Hut zu ziehen und daraus ein dadaistisches Gedicht zu bauen. William S. Burroughs und Brion Gysin zerschnitten Ende der 1950er Jahre Texte und setzten sie neu zusammen, die Gruppe Oulipo schrieb nach strengen formalen Zwängen.
In allen Fällen lieferte das Verfahren nur Material. Den Text machte erst die Auswahl, und genau dieses Prinzip gilt auch für Sprachmodelle.
Was das Urheberrecht dazu sagt
Juristisch ist die Lage klarer als die künstlerische Debatte. Sowohl in Deutschland als auch in den USA setzt Schutz eine menschliche Schöpfung voraus.
Die Lage in Deutschland
DasUrheberrechtsgesetz schützt nach Paragraf 2 Absatz 2 nur „persönliche geistige Schöpfungen“. Ein Text, den eine Maschine ohne prägenden menschlichen Beitrag erzeugt, erfüllt diese Voraussetzung nicht.
Wer dagegen generierte Bausteine auswählt, umschreibt und zu etwas Eigenem verbindet, kann durchaus ein geschütztes Werk schaffen. Entscheidend ist, wie viel persönliche Gestaltung im Ergebnis steckt.
Die Position der USA
Das US Copyright Office hat im Januar 2025 nach mehr als 10.000 öffentlichen Stellungnahmen einen ausführlichen Bericht vorgelegt. Darin heißt es, dass Prompts allein keine ausreichende menschliche Kontrolle bieten, um die Nutzer zu Urhebern des Ergebnisses zu machen. Unterschieden wird zwischen KI als Hilfsmittel, das den Schutz nicht schmälert, und KI als Ersatz für menschliche Kreativität.
Ob die Kontrolle ausreicht, wird im Einzelfall geprüft. Bereits 2023 hatte das Amt bei der Graphic Novel „Zarya of the Dawn“ den Text und die Anordnung der Seiten geschützt, die mit Midjourney erzeugten Bilder jedoch nicht.
Was Autorschaft eigentlich ausmacht
Was macht Autorschaft eigentlich aus? Foto von Ron Lach, via Pexels
Jenseits der Paragrafen geht es um eine ältere Frage. Autorschaft bedeutet nicht nur, Wörter zu Papier zu bringen. Sie bedeutet, Entscheidungen zu treffen und für sie einzustehen. Eine Figur stirbt, weil die Autorin es so will. Ein Satz bleibt sperrig, weil der Autor die Reibung braucht. Diese Absicht kann ein Modell simulieren, aber nicht verantworten. Hinzu kommt die Stimme. Sie entsteht aus Erfahrungen, Lektüren und Eigenheiten, die sich über Jahre ablagern. Ein Modell, das auf riesigen Textmengen trainiert wurde, strebt dagegen zur Mitte, zum jeweils wahrscheinlichsten nächsten Wort.
Wer mit KI schreibt, kann sich mit einigen Fragen selbst prüfen.
Könnte ich jede Entscheidung im Text begründen, auch die stilistischen?
Habe ich die Vorschläge der KI verändert oder nur übernommen?
Würde der Text ohne die generierten Passagen noch funktionieren?
Wäre ich bereit, offen zu sagen, wie der Text entstanden ist?
Klingt das Ergebnis nach meiner Stimme oder nach einem Durchschnitt aller Stimmen?
Je öfter die Antwort ehrlich „ja“ lautet, desto klarer liegt die Autorschaft beim Menschen.
Transparenz als neue Norm
Rie Kudan hat ihren KI-Anteil öffentlich benannt, und genau das hat die Diskussion versachlicht. Viele Verlage und Wettbewerbe verlangen inzwischen eine Erklärung, ob und wie KI beteiligt war. Diese Offenheit nimmt dem Thema den Verdacht des Betrugs und macht sichtbar, was sonst im Verborgenen bliebe.
Für Leserinnen und Leser ist das ein Gewinn, denn sie können selbst entscheiden, welchen Wert sie einem Text beimessen. Ein kurzer Hinweis im Nachwort oder in den Danksagungen genügt oft, ähnlich wie man dort Lektorat oder Übersetzung nennt.
Schlussgedanken
KI verändert das kreative Schreiben, aber sie hebt die Autorschaft nicht auf. Sie verschiebt nur die Frage, wo die eigentliche Arbeit liegt. Recherche, Korrektur und Ideensuche dürfen getrost delegiert werden. Die Auswahl, die Haltung und die Verantwortung für das, was am Ende auf der Seite steht, bleiben menschlich.
Wo eben diese drei Dinge fehlen, endet das Werkzeug, es ersetzt den Autor, und dann ist es kein kreatives Schreiben mehr, sondern Produktion.
Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.
In dieser Magazin-Rubrik finden Sie zahlreiche Berichte und Artikel rund um den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in Kunst, Design und Architektur.
Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie KI in diesen Bereichen eingesetzt werden kann, sondern auch darum, welche Auswirkungen dies auf das kreative Schaffen hat.
Denn während einige Experten davon ausgehen, dass der Einsatz von KI zu einer Revolution in Kunst und Design führen wird, gibt es auch Stimmen aus der Branche selbst, die skeptisch gegenüber KI-Kunst und KI-gestützten Bildgeneratoren sind.
Ein frühes Beispiel aus dem Jahr 2016 für den Einsatz von KI in Kunst ist das Projekt „The Next Rembrandt“. Hier wurde eine Software entwickelt, die anhand von Datenanalyse ein neues Gemälde im Stil des niederländischen Malers erstellt hat – ohne menschliches Zutun.
Das Ergebnis war überraschend realistisch und zeigte schon damals deutlich das Potenzial dieser Technologie.
Was bedeutet diese Entwicklung für traditionelle Handwerkskünste? Werden sie überflüssig oder können neue Möglichkeiten geschaffen werden?
Diese Fragen beschäftigen viele Menschen innerhalb und außerhalb der Branche gleichermaßen.
In jedem Fall bietet uns die Verbindung zwischen Kunst und künstlicher Intelligenz spannende Einblicke in mögliche Zukunftsszenarien.
Wir laden Sie herzlich dazu ein sich mit uns gemeinsam auf Entdeckungsreise zu begeben!
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