Canva und Affinity – Zwei Räume in einer Werkstatt
Es gibt Werkzeuge, die dir Arbeit abnehmen. Und es gibt Werkzeuge, die dir Verantwortung geben.
Du sitzt vor dem Rechner, irgendwo auf der Liste steht noch eine kleine Grafik. Nichts Großes – ein Poster vielleicht, ein Worksheet, auf jeden Fall etwas, das morgen raus muss. Also öffnest du Canva. Die Software wirkt unaufgeregt. Fast so, als hätte sie diese Situation schon sehr oft erlebt. Vorlagen erscheinen, viele Vorlagen. Gestaltung wirkt plötzlich ein bisschen wie ein Buffet.
Du nimmst etwas hiervon, etwas davon, verschiebst ein Bild, ersetzt einen Text – und zehn Minuten später existiert etwas, das vorher noch nicht da war. Es sieht professionell aus. Und das Bemerkenswerteste daran: Du hast kaum etwas entschieden. Und trotzdem funktioniert es.
Canva ist gewissermaßen das IKEA der Gestaltung. Du gehst hinein, nimmst ein paar Kartons aus dem Regal, folgst einer halbwegs selbsterklärenden Anleitung – und plötzlich steht ein fertiger Tisch im Zimmer. Nicht gerade einzigartig, aber er wackelt zumindest nicht. Und eine Schraube übrig hast du meistens auch.
Für sehr viele Anwendungen ist das völlig ausreichend. Genau deshalb ist Canva so erfolgreich geworden.

Foto von Swello @getswello, via Unsplash
Und Canva macht seinen Job wirklich gut. Wahrscheinlich sogar zu gut. Du bekommst sehr schnell Ergebnisse, die nach Gestaltung aussehen. Farben harmonieren halbwegs, Abstände wirken ordentlich, Schriften sehen modern aus. Nichts schreit dich sofort an. Das allein ist schon eine kleine Revolution, wenn man bedenkt, wie viele Flyer früher aussahen, als hätte jemand WordArt und einen Nervenzusammenbruch gleichzeitig entdeckt.
Doch irgendwann sitzt du wieder vor dem Bildschirm und merkst: Da fehlt etwas. Jemand fragt nach einer Vektordatei, das Plakat braucht eine Beschnittzugabe, die Schrift, die du gebogen hast, wirkt irgendwie unrund. Keine Katastrophen – nur kleine Irritationen. So ähnlich wie der Stuhl, der jetzt ein kleines bisschen wackelt. Vielleicht, weil die eine Schraube fehlt.
Und plötzlich merkst du: Gestaltung ist vielleicht doch mehr als ein Layout.
Das passiert nämlich erst dort, wo Gestaltung technisch wird. In dem Moment, in dem jemand nach sauberen Druckdaten fragt. Oder das Logo größer gezogen wird und aussieht wie ein trauriger Toast. Es reicht nicht, dass es gut aussieht. Es muss auch irgendwo ankommen.
Programme wie Illustrator oder Photoshop haben diese Welt jahrzehntelang geprägt – aber sie wirkten auf viele so einladend wie ein Cockpit ohne Flugerfahrung. Zu viele Werkzeuge, zu viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen. Du wolltest eigentlich nur einen Flyer bauen und hast nach drei Minuten versehentlich irgendein Bedienfeld verschwinden lassen. Viele haben an dieser Stelle beschlossen, dass Gestaltung vielleicht ein Beruf für andere Leute ist.
Dann tauchte die Affinity Suite auf. Professionelle Werkzeuge, kein Abomodell, kein Gefühl des sofortigen Scheiterns. Präzise, leistungsfähig, erstaunlich elegant gebaut. Einige Designer bemerkten das. Und nach und nach wechselten immer mehr von Adobe zu Affinity.
2024 kaufte Canva das Unternehmen dahinter. Du konntest die kollektive Verwirrung beinahe hören. Ein Fahrradhersteller übernimmt eine Maschinenbauwerkstatt. Auf den ersten Blick: wenig Sinn. Beim zweiten: fast zwingend logisch. Canva war stark darin, Inhalte schnell produzierbar zu machen. Sobald Gestaltung technisch wurde – Vektorgrafik, präzise Druckdaten, komplexe Layouts – hörte die Plattform auf. Affinity konnte genau das.
Stell dir eine Werkstatt mit zwei Räumen vor. Im ersten steht Canva – hell, freundlich, effizient. Dinge entstehen schnell. Im zweiten steht Affinity – ruhiger, präziser. Du ziehst Linien, konstruierst Formen, überprüfst Abstände. Dinge entstehen langsamer und wirken dafür stabiler. Nicht Möbel zusammenstecken – sondern anfangen, sie selbst zu bauen.
Du beginnst meistens im ersten Raum. Dort merkst du überhaupt erst, dass Gestaltung Spaß machen kann. Irgendwann passiert dann etwas Leiseres: Es stört dich, wenn Buchstaben zu dicht stehen. Linien sollen nicht mehr nur dekorativ sein, sondern exakt sitzen. Du willst nicht mehr nur zusammenstellen – du willst verstehen, wie es gebaut ist.
Nicht, weil Canva plötzlich schlecht geworden wäre. Sondern weil man irgendwann neugierig wird. Du willst wissen, warum manche Layouts ruhig wirken und andere anstrengend. Warum ein Millimeter Abstand manchmal entscheidet, ob etwas hochwertig aussieht oder wie ein Vereinsfest von 2007. Das ist meistens der Moment, in dem Gestaltung anfängt, unangenehm interessant zu werden.
Vielleicht liegt genau darin die Logik der Übernahme. Nicht eines der Programme ersetzen – dafür sind sie zu unterschiedlich. Sondern beide in dieselbe Werkstatt bringen. Du bewegst dich irgendwann zwischen beiden. Du beginnst dort, wo alles leicht wirkt. Und landest später an einem Tisch, an dem Dinge sorgfältiger gebaut werden.
Gestaltung beginnt oft mit einem Template. Und verlangt irgendwann ein Werkzeug.

Daniela Hölscher ist Grafikdesignerin, Medienfachwirtin, Autorin und Dozentin. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Menschen Informationen wahrnehmen, warum manche Botschaften sofort verstanden werden und andere im Medienrauschen verloren gehen.
Auf Bellia Academy schreibt sie über Gestaltung, visuelle Kommunikation und kreative Arbeit zwischen Struktur, Alltag und digitaler Informationsflut. Ihr besonderes Interesse gilt den oft unsichtbaren Entscheidungen, die darüber bestimmen, ob Gestaltung lediglich sichtbar ist oder tatsächlich verstanden wird.
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