Seit über zehn Jahren zeichnen wir Portraits von Hand nach Fotovorlage. In dieser Zeit sind über 10.000 Aufträge zusammengekommen, von einzelnen Portraits bis zu ganzen Familien- und Tierbildern. In den Beratungsgesprächen der letzten zwei Jahre taucht auffällig oft dieselbe Frage auf: Warum überhaupt noch von Hand zeichnen lassen, wenn ein Bildgenerator ein ähnliches Motiv in Sekunden liefert?
Die Antwort hat weniger mit Nostalgie zu tun, als man zunächst vermuten würde, und noch weniger mit Technikskepsis. Sie liegt in dem, was zwischen Foto und fertigem Bild tatsächlich passiert, in den Entscheidungen, die dabei getroffen werden, und darin, was am Ende an der Wand hängen soll, oft über Jahrzehnte hinweg.
Was ein Algorithmus sieht und was ein Zeichner sieht
Ein Bildgenerator arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Er wurde mit Millionen Gesichtern trainiert und berechnet, wie ein plausibles Gesicht aussehen könnte, das der Vorlage ähnelt. Ein Zeichner arbeitet in die entgegengesetzte Richtung. Er beginnt nicht bei der Wahrscheinlichkeit, sondern bei der Abweichung: die kleine Asymmetrie im Lächeln, die Falte, die sich beim Lachen bildet, die Art, wie ein Ohr leicht absteht. Genau an solchen Details erkennen Angehörige ein Gesicht wieder, nicht an der statistisch wahrscheinlichsten Version davon.
Bei einem einzelnen Portrait fällt dieser Unterschied oft kaum auf. Sobald aber, wie in einem großen Teil unserer Aufträge, vier oder fünf Personen aus unterschiedlichen Fotos zu einem gemeinsamen Bild zusammengeführt werden sollen, wird er deutlich. Ein Algorithmus muss Licht, Perspektive und Proportionen der einzelnen Vorlagen angleichen, ohne die Fotos wirklich zu verstehen.
Ein Zeichner trifft an dieser Stelle bewusste Entscheidungen: Welches Foto zeigt eine Person am ehesten so, wie die Familie sie in Erinnerung hat? Das ist keine technische Optimierung, das ist eine Interpretation, und genau diese Interpretation wird später als Ähnlichkeit wahrgenommen.
Ein Unterschied, der sich inzwischen auch rechtlich zeigt
Was viele Kundinnen und Kunden überrascht: Der Unterschied zwischen Handzeichnung und KI-Bild ist inzwischen nicht mehr nur eine Geschmacksfrage, sondern zunehmend auch eine rechtliche. Nach aktueller deutscher und europäischer Rechtsprechung genießen rein KI-generierte Inhalte grundsätzlich keinen Urheberschutz.
Geschützt wird nur, was auf einer erkennbaren menschlichen Schöpfungsleistung beruht, wie eine ausführliche Einordnung auf urheberrecht.de zeigt. Für ein Familienbild, das über Generationen weitergegeben werden soll, ist das mehr als eine juristische Fußnote. Es bedeutet, dass am Ende ein Werk entsteht, das tatsächlich jemandem gehört, nämlich dem Menschen, der es gezeichnet hat.
Warum Betrachter handgemachte Kunst anders bewerten
Die Wahrnehmung von Kunst hängt nachweislich davon ab, ob Betrachter wissen, wie ein Bild entstanden ist. Eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, dass Kunstwerke, die als von Menschen gemacht ausgewiesen wurden, im direkten Vergleich durchgehend besser bewertet wurden als Bilder mit der Kennzeichnung KI-generiert. Der Grund liegt weniger im Ergebnis selbst als in der zugeschriebenen Absicht.
Großvater mit Enkel in Farbe, handgezeichnetes Portrait, Fotovorlage, ohne KI. (c) familiesportrait.de
Ein von Hand gezeichnetes Bild trägt die Zeit, die Konzentration und die Entscheidungen eines Menschen sichtbar in sich, auch wenn Betrachter das nicht in Worte fassen können. Genau dieses Wissen verändert, wie ein Geschenk empfunden wird, besonders wenn es um Erinnerung geht, etwa an Großeltern oder an ein verstorbenes Haustier.
Wo die Grenzen der KI beim Familienportrait liegen
In der Praxis zeigen sich die Grenzen vor allem an drei Punkten. Erstens bei mehreren Personen in einem Bild: Ein Generator gleicht Gesichter häufig zu stark aneinander an, sodass Geschwister sich auf dem fertigen Bild plötzlich ähnlicher sehen, als sie es in Wirklichkeit sind. Zweitens bei minderwertigen oder alten Fotovorlagen, wie sie bei Erinnerungsportraits verstorbener Angehöriger oft die einzige verfügbare Quelle sind.
Ein Zeichner kann fehlende Bildinformationen mit Erfahrung ausgleichen und bei Unklarheiten gezielt nachfragen, ein Algorithmus füllt Lücken dagegen mit statistisch plausiblen, aber erfundenen Details. Drittens bei der Haltung zum Prozess insgesamt: Ein KI-Bild wird erzeugt, ein gezeichnetes Portrait entsteht in einem Ablauf, an dem die Familie mitwirken kann, von der Auswahl der Fotos bis zur Freigabe der fertigen Vorschau, bevor überhaupt gedruckt wird.
Diese Freigabe vor dem Druck ist in der Praxis kein Detail, sondern der Kern des Vertrauens. Wer ein Portrait bestellt, das ein verstorbenes Familienmitglied zeigt, möchte vorher sehen, ob die Ähnlichkeit stimmt, und braucht die Möglichkeit, noch einmal nachzujustieren. Ein automatisierter Prozess kennt diese Rückkopplung in der Regel nicht in derselben Form.
Klassische Bleistiftzeichnung einer Familie, nach Fotovorlage, ohne KI. (c) familiesportrait.de
Wie der Ablauf in der Werkstatt tatsächlich aussieht
Ein typischer Auftrag beginnt nicht mit einem einzigen perfekten Foto, sondern oft mit mehreren unterschiedlichen Aufnahmen, aus denen erst eine stimmige Bildidee entstehen muss. Bei einem Portrait mit vier oder fünf Familienmitgliedern werden zunächst die Fotos gesichtet, die am ehesten zueinander passen, in Lichtstimmung, Blickrichtung und Ausdruck. Erst danach beginnt die eigentliche Zeichnung.
Nach der ersten Skizze bekommt die Familie eine Vorschau, bevor überhaupt gedruckt wird, und kann Rückmeldung geben, wenn etwas an der Ähnlichkeit bisher nicht stimmt. Diese Feedbackschleife ist bei einem automatisiert erzeugten Bild in dieser Form kaum vorgesehen. Ein Generator liefert ein Ergebnis, keinen Dialog.
Besonders deutlich wird das bei Tierportraits, die einen erheblichen Teil unserer Aufträge ausmachen. Fell, Fellzeichnung und die individuelle Haltung eines Tieres unterscheiden sich von Individuum zu Individuum oft stärker, als es bei Menschen der Fall ist. Genau diese Details entscheiden darüber, ob ein Halter das eigene Tier in der Zeichnung wiedererkennt.
Ein Generator neigt hier dazu, auf das statistisch typische Rassebild zurückzufallen. Währenddessen sucht ein Zeichner gezielt nach der einen Eigenheit, an der ein Tier von seinem Menschen erkannt wird, etwa einem schiefen Ohr oder einer bestimmten Kopfhaltung.
Was am Ende an der Wand hängt
Am Ende entscheidet nicht die Technik hinter einem Bild darüber, ob es einen Platz an der Wand verdient, sondern das, was es beim Betrachten auslöst. Aus über 10.000 Aufträgen bei familiesportrait.de ist das die Rückmeldung, die am häufigsten zurückkommt: Menschen erkennen in einer Handzeichnung nicht nur ein Gesicht, sondern eine Geste. Jemand hat sich Zeit genommen, sich mit den Fotos auseinandergesetzt, Rückfragen gestellt und bewusste Entscheidungen getroffen, bevor der erste Strich gesetzt wurde.
Das lässt sich nicht automatisieren, so gut die Technik in den kommenden Jahren auch werden mag, weil es kein technisches Problem ist, sondern eine Frage der Haltung zum Bild. Für ein Portrait, das über Jahrzehnte an der Wand hängen und irgendwann an die nächste Generation weitergegeben werden soll, bleibt genau das der entscheidende Unterschied, nicht die Auflösung und nicht die Geschwindigkeit, mit der es entstanden ist.
Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.
In dieser Magazin-Rubrik finden Sie zahlreiche Berichte und Artikel rund um den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in Kunst, Design und Architektur.
Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie KI in diesen Bereichen eingesetzt werden kann, sondern auch darum, welche Auswirkungen dies auf das kreative Schaffen hat.
Denn während einige Experten davon ausgehen, dass der Einsatz von KI zu einer Revolution in Kunst und Design führen wird, gibt es auch Stimmen aus der Branche selbst, die skeptisch gegenüber KI-Kunst und KI-gestützten Bildgeneratoren sind.
Ein frühes Beispiel aus dem Jahr 2016 für den Einsatz von KI in Kunst ist das Projekt „The Next Rembrandt“. Hier wurde eine Software entwickelt, die anhand von Datenanalyse ein neues Gemälde im Stil des niederländischen Malers erstellt hat – ohne menschliches Zutun.
Das Ergebnis war überraschend realistisch und zeigte schon damals deutlich das Potenzial dieser Technologie.
Was bedeutet diese Entwicklung für traditionelle Handwerkskünste? Werden sie überflüssig oder können neue Möglichkeiten geschaffen werden?
Diese Fragen beschäftigen viele Menschen innerhalb und außerhalb der Branche gleichermaßen.
In jedem Fall bietet uns die Verbindung zwischen Kunst und künstlicher Intelligenz spannende Einblicke in mögliche Zukunftsszenarien.
Wir laden Sie herzlich dazu ein sich mit uns gemeinsam auf Entdeckungsreise zu begeben!
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