Man stelle sich einen offenen Wohnraum vor, in dem das Sofa nicht an der Wand lehnt, sondern frei auf dem Boden steht. Der Blick reicht trotzdem ungehindert bis zum Fenster, zur Bücherwand oder zum Bild an der gegenüberliegenden Wand. Dass dies überhaupt gelingt, hat weniger mit der Größe des Raumes zu tun als mit einem einzigen Maß: der Höhe der Rückenlehne. Wo sie niedrig bleibt, wird das Sofa vom raumteilenden Block zu einer Linie, die den Raum ordnet, ohne ihn zu verstellen.
An diesem Punkt setzt Pop-Up an, ein Pop Up Sofa von Michele Mantovani, das als exklusive Neuheit in der Kollektion des italienischen Herstellers Bodema entstanden ist. In folgendem Statement wird die Grundidee klar auf den Punkt gebracht:
Mantovani schafft ein Gleichgewicht zwischen strengen Geometrien und sanften Rundungen, indem er die klassischen Formen des Wohnzimmersofas ersetzt und die niedrige Rückenlehne zum Hauptfokus des Entwurfs macht.“
Eine Linie statt einer Wand: die Rückenlehne als ästhetische Entscheidung
Funktional betrachtet ist eine niedrige Rückenlehne ein Kompromiss, denn sie stützt weniger und verlangt nach Kissen. Ästhetisch jedoch ist sie eine Setzung. Bei Pop-Up gibt es nur eine einzige, durchgehende Rückenlehne, die an den Enden der Armlehnen beginnt und über die gesamte Länge der Struktur läuft. Sie rahmt die breiten Sitzflächen wie ein flacher Rand, und in den Beispielkonfigurationen des Herstellers liegen Armlehne und Rückenlehne auf gleicher Höhe. Aus der Ansicht wird so ein horizontaler Zug, der eher an einen architektonischen Sockel erinnert als an ein Polstermöbel.
Weißes L-förmiges Sofa mit niedriger Rückenlehne, Beistelltisch und Sessel
Besonders deutlich wird diese Kontinuität bei den L-, U- und C-förmigen sowie bei den rein geradlinigen Varianten, in denen weiche Rückenkissen aus Gänsedaunen die Sitzfläche betonen. Bei den asymmetrischen Kombinationen tritt der Effekt bewusst zurück. An den Innenseiten der Armlehnen, wo die Konturen sanft geschwungen sind, findet man eine Gegenbewegung zur Strenge; hier wirken die Polsterkissen der äußeren Sitze einladender. Alles ruht auf einem Sockel aus Aluminium mit abgeschrägter Kante, wahlweise in Anthrazit oder Bronze. Dieser lässt sich praktischerweise mit den Stoff-, Leder- und Samtbezügen der Kollektion kombinieren.
Es ist eine Tradition, dass italienische Hersteller solche formalen Fragen mit ausgesprochener Ernsthaftigkeit behandeln. Die Geschichte des Compasso d’Oro, jenes Designpreises, der 1954 von La Rinascente auf eine Idee von Gio Ponti und Alberto Rosselli ins Leben gerufen wurde und dessen historische Sammlung heute im ADI Design Museum in Mailand zu finden ist, zeigt, wie früh Gebrauchsobjekte in Italien als kulturelle Leistung angesehen wurden. Pop-Up steht in dieser Denkweise: Das Sofa soll bequem sein, aber es soll auch eine Aussage über den Raum treffen, in dem es steht.
Konfigurationen für die Raummitte
Bodema selbst sieht den idealen Platz für Pop-Up in der Mitte des Raumes. Das ist konsequent, denn erst dort kommt die niedrige Rückenlehne voll zur Geltung. Das modulare System reicht von kleinen geradlinigen Sofas bis zu großen Panoramalösungen, darunter Ecksofas für sechs, acht oder zehn Personen, asymmetrische Kompositionen mit nur einer Armlehne, rückenfreie Sitze und geformte Module. Drei Anordnungen verdienen im offenen Grundriss besondere Aufmerksamkeit.
Die Insel
Als Insel steht das Sofa allseitig frei und wird von mehreren Seiten benutzt. Eine der Beispielkonfigurationen zeigt ein geräumiges Ecksofa mit Sitzflächen auf beiden Seiten, das eine Relaxzone bildet, statt nur einer Blickrichtung zu dienen. In einem großzügigen Raum entsteht so ein Zentrum, um das sich Essbereich, Lesezone und Durchgänge gruppieren können, ähnlich einem Möbel im Museum, das man umrunden kann.
Die Halbinsel
Die Halbinsel ist die genauere Geste. Ein Sofa hat einen Schenkel, der in den Raum ragt, während der andere als Rückgrat fungiert. Die Sitzgruppe wird umrissen, ohne dass sie abgeschlossen ist, und der offene Schenkel führt die Bewegung durch den Raum. So bietet der Hersteller eine L-Form mit Halbinsel, einem Tisch mit integrierter Ablage sowie einem Endelement ohne Armlehne an.
Das offene Endelement
Am radikalsten wirkt das Sofa dort, wo es einfach endet. Ohne Armlehne lässt ein Endelement die Sitzfläche ins Leere laufen und nimmt dem Möbelstück die Erscheinung einer abgeschlossenen Form. Hier kommen die hölzernen Ergänzungen der Kollektion als Abschluss ins Spiel: Schränke mit Regal und niedrigem Staufach oder Beistelltische mit Tablett und von oben zugänglichen Fächern.
Kunstplaza hat zuletzt gezeigt, wie viel ein solches Nebenmöbel zur Raumwirkung beiträgt, wenn es als eigenständige Form verstanden wird: am Beispiel des Beistelltischs als radikales Möbelstück. Bei Pop-Up machen diese Elemente das Sofa rundum nutzbar, sodass es von jeder Seite eine Ansicht bietet.
Zwischen Objekt und Gebrauch
Ein Sofa für die Raummitte muss auch dann bestehen, wenn niemand darauf sitzt. Eine hohe Rückenlehne dreht dem halben Raum den Rücken zu, eine niedrige bietet ihm eine Ansicht. Pop-Up folgt dabei einer klaren Rangfolge: zuerst die Linie, dann das Polster, dann das Zubehör. Die Geometrie gibt den Rahmen vor, die gerundeten Innenkonturen und die Daunenkissen sorgen dafür, dass aus dem Rahmen ein Ort zum Verweilen wird.
Wer mit einem solchen Sofa plant, sollte deshalb von der Raummitte aus denken statt von der Wand. Sichtachsen, Laufwege und die Frage, welche Seite des Möbels man vom Eingang aus zuerst sieht, entscheiden über die Wahl zwischen Insel, Halbinsel oder offenem Ende. Für diese Planung stellt Bodema auf der Produktseite ein technisches Datenblatt sowie 2D- und 3D-Dateien bereit. Mit diesen Dateien lassen sich die Konfigurationen im eigenen Grundriss erproben, bevor das Sofa seinen Platz in der Mitte einnimmt.
Inhaber und Geschäftsführer von Kunstplaza. Publizist, Redakteur und passionierter Blogger im Bereich Kunst, Design und Kreativität seit 2011. Erfolgreicher Abschluss in Webdesign im Rahmen eines Hochschulstudiums (2008). Weiterentwicklung von Kreativitätstechniken durch Kurse in Freiem Zeichnen, Ausdrucksmalen und Theatre/Acting. Profunde Kenntnisse des Kunstmarktes durch langjährige journalistische Recherchen und zahlreichen Kooperationen mit Akteuren/Institutionen aus Kunst und Kultur.
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