Robert Rauschenberg – Pionier des Pop-Art

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Robert Milton Ernest Rauschenberg ist ein amerikanischer Künstler, der in der Rangliste der zeitgenössischen Kunst zum ersten Dutzend gehört. Eigentlich ist er nur fast ein amerikanischer Künstler, denn die „Straßenkötermischung“ (augenzwinkerndes Eigenzitat) blickt auf indianische und deutsche Wurzeln zurück, die Großmutter war eine Cherokee, der Großvater hatte seine Heimat in Berlin. Ebenso vielschichtig wie seine Herkunft ist sein künstlerisches Werk, Rauschenberg betätigte sich als Maler und Fotograf, Grafiker und Objektkünstler. Auch wenn er zum Wegbereiter der Pop Art des 20. Jahrhunderts gekürt wurde, lassen sich seine Werke nicht einer einzigen Stilrichtung zuordnen, ganz im Gegenteil hat wohl kaum ein anderer Künstler im letzten Jahrhundert so bereitwillig die Grenzen zwischen Gattungen und Stilen übersprungen wie er.

Rauschenberg wurde am 22. Oktober 1925 in Südtexas in der Stadt Port Arthur geboren, über seine Kindheit ist nur bekannt, dass er bei strengen Puritanern unter eher ärmlichen Bedingungen aufwuchs. Die Erziehung in seiner Jugendzeit führte auf jeden Fall dazu, dass Rauschenberg plante, nach der High School Prediger zu werden, er begann dann aber doch Anfang der 1940er Jahre an der University of Austin/Texas ein Pharmaziestudium. Dieses Studium brach er schnell wieder ab, weil er Tierversuche ablehnte.

1943 wurde Rauschenberg zum Militär eingezogen, weil er den Waffendienst verweigerte, wurde er der Psychiatrie des U.S. Navy Hospital Corps als Pfleger zugeteilt. Es soll in einem Urlaub in der Armeezeit gewesen sein, als Rauschenberg in der kalifornischen Huntington Art Gallery zum ersten Mal in seinem Leben Kunst im Original betrachten konnte, Bilder von Thomas Gainsborough und Thomas Lawrence, die er bisher nur von Abdrucken auf den Rückseiten von Spielkarten kannte. Rauschenberg war in höchstem Grade fasziniert, er erinnerte sich später, dass er genau vor diesen Bildern und in diesem Moment die Erkenntnis gehabt hätte, dass er sein Leben als Künstler führen könne, so abgedroschen das auch klinge.

Robert Rauschenberg im Jahre 1999

Robert Rauschenberg im Jahre 1999;
By Fvlcrvm [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Also studiert Rauschenberg nach dem Krieg Kunst, erst 1946 und 1947 am Kansas City Art Institute, zwischendurch muss er als Schaufensterdekorateur und in einer Fabrik arbeiten, um sein Leben zu finanzieren. 1947 tauscht er seinen Vornamen Milton gegen den seines Großvaters, der frischgebackene Robert geht nun nach Paris und setzt seine künstlerische Ausbildung für ein halbes Jahr an der angesehenen, privat geführten Académie Julian fort. 1948 kehrte Rauschenberg zurück in die USA und studierte bis 1949 in North Carolina am Black Mountain College. Das College war zu dieser Zeit die wichtigste Institution für eine interdisziplinäre, vorwiegend künstlerische Ausbildung. An das Black Mountain wurden zum Beispiel viele Bauhaus-Künstler nach ihrer Emigration aus Deutschland berufen. So lernte Rauschenberg beim deutschen Maler und Designer Josef Albers, der nach Schließung des Bauhaus nach Amerika geflohen war, außerdem lernte er dort John Cage kennen und durch diesen Merce Cunningham, mit beiden hat er in der Folgezeit bei Aufführungen und Happenings öfter zusammengearbeitet. Von North Carolina ging es 1949 nach New York, an die Art Students League, wo er Cy Twombly kennenlernt. In dieser Zeit hatte Rauschenberg bedeutende abstrakte Expressionisten unter seinen Lehrern: Jack Tworkov, Franz Kline, Willem de Kooning und Robert Motherwell, der abstrakten Expressionismus und Surrealismus vertrat.

Diese Einflüsse fruchteten, das erste bekannte Bild Rauschenbergs (von 1949) zeigt nach Albers’ Vorbild in ordentlicher Struktur verteilte Zahlen auf weißem Grund. Aber weder die Farbfeldmalerei Albers’ noch die wild abstrakten Arbeiten de Koonings befriedigten Rauschenberg auf Dauer, er suchte nach einer “Kunst-Leben-Gleichung” in die die reale Lebenswelt integriert und dort geformt werden sollte. Er suchte weiter, auch bei Joseph Beuys und Kurt Schwitters, 1951 war er bereit zum selbstbestimmten künstlerischen Aufbruch.

Erst entstanden nun die “White Paintings”, sieben gleichmäßig weiße Tafeln, die nach Rauschenbergs Aussage “die Malerei auslöschen” sollten, indem sie einfach Stille zeigen. Mit diesen White Paintings hatte Rauschenberg seine erste Einzelausstellung in der New Yorker Betty Parson Gallery. Dann radierte er eine Zeichnung von Willem de Kooning aus, eine zwar mit dessen Einverständnis vorgenommene, aber trotzdem radikale Geste, die mit den amerikanischen abstrakten Expressionisten und deren Vormachtstellung abrechnen wollte. Es folgten die “Black Paintings”, eine Selbstbeschränkung auf “Nichts” oder auch auf Nichtwissen über die eigene Entwicklung, die Rauschenberg bei der weiteren Suche nach sich selbst dienen sollte. Diese Entwicklung führte zu Objektkästen mit Knochen, Steinen und Holz (1952) und zu den “Red Paintings”, in denen Rauschenberg Materialfetzen mit Rottönen übermalt, sie werden durch Einbeziehung von Alltagsobjekten zu “Combine Paintings”. Mit dieser Einbeziehung von Gegenständen des täglichen Lebens, die helfen sollen, Realität und Kunst zu vereinen, wird Rauschenberg zum vielleicht wichtigsten Pionier der Pop-Art. Bis heute gelten die Bilderserien in Weiß, Schwarz und Rot als die radikalsten Arbeiten Rauschenbergs, auch wenn die Pop Art die späteren Arbeiten “Pink Door” (1954) und “Bed” (1955) aus der Combine-Serie zu ihren Frühwerken erklärt hat.

Riding Bikes, Objektkunst von Robert Rauschenberg, 1998 in Berlin

Riding Bikes, Objektkunst von Robert Rauschenberg, 1998 in Berlin;
Hans Bug auf der deutschen Wikipedia [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

In den folgenden Jahren reist Rauschenberg viel, immer wieder nach Europa, nach Paris und Italien, aber auch nach Nordafrika. Er arbeitet mit Merce Cunningham an Dekorationen und Choreografien für dessen Dance Company, wirkt mit Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely an Performances in Paris mit, entdeckt zur gleichen Zeit wie Andy Warhol den Siebdruck (setzt ihn aber für inhaltlich komplexere Aussagen ein) und stellt seine ersten Lithografien her. 1966 macht er seinen ersten Film (“Canoe”) und gründet das E.A.T., das Projekt “Experiments in Art and Technology”, das Wechselwirkungen von Technik bzw. Elektronik, Industrie und Kunst erforschen soll (mit den Ingenieuren Billy Klüver und Fred Waldhauer und dem Künstler Robert Whitman). 1967 kombiniert Rauschenberg Siebdrucktechnik und Lithografietechnik in einigen aufsehendenerregenden Arbeiten über die Beziehung zwischen Mensch und Technik (z. B. “Booster”). 1971 ruft er mit Robert Petersen eine Druckexperimentierwerkstattins Leben, 1974 bis 1976 arbeitet er mit Alain Robbe-Grillet an einem Buch, Ende der 1970er entsteht Rauschenbergs Antwort auf Kambodscha und Vietnam: “The 1⁄4 Mile or 2 Furlong Piece”, ein Werk mit einer Länge von mehr als 400 Metern, das aus Gemälden, Collagen und Objekten zusammengesetzt ist.

1984 begann Rauschenbergs vielleicht spannendstes Projekt, die “Rauschenberg Overseas Culture Interchange” (ROCI), eine wandernde Ausstellung von insgesamt etwa 200 Kunstwerken. Bis 1991 führte das Projekt durch 10 Länder, die Werke entstanden jeweils in Zusammenarbeit mit den Künstlern am Ausstellungsort. Das ROCI war in Berlin, in Chile und in Japan, in Mexiko und der Sowjetunion, in Venezuela und in Tibet, man glaubt sofort, dass Rauschenberg seinen Entschluss “etwas gegen die Weltkrise zu tun, anstatt mich der Midlife Crisis hinzugeben“, nie bereut hat.

In Fortführung dieser Erfahrungen gründet der Künstler 1990 die “Robert Rauschenberg Foundation”, eine gemeinnützige Einrichtung, in der er politische und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit und wissenschaftliche Forschungsprojekte unterstützt. Der mit vielen Ehrungen ausgezeichnete Künstler starb am 12. Mai 2008 im Alter von 82 Jahren auf Captiva Island in Florida.

Robert Rauschenberg - Pionier des Pop-Art

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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