Marc Chagall – Der Malerpoet

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Zürich und Metz, Reims und Mainz und Chichester und Tudeley, Sarrebourg und Jerusalem – die Orte, an denen Ihnen ganz besonders schöne, bunt und vollkommen ungewöhnlich gestaltete Glasfenster in kirchlichen Bauten auffallen könnten, sind weit über die Welt verstreut. Diese wunderbare Glaskunst mit biblischen Motiven wurde in all diesen Kathedralen und Synagogen, Münstern und Kirchen von einem Künstler gestaltet, dem wunderbaren Marc Chagall.

Marc Chagall ist zwar überaus bekannt, aber dennoch genau der richtige Künstler, wenn Sie in einem Kreis hochgebildet fabulierender Kunstfreunde herausfinden möchten, ob die Eine oder der Andere sich wirklich auskennen. Reden Sie dann einfach von Marc Chagall, dem unglaublichen französischen Expressionisten, und warten Sie ab, wer dagegen hält. Denn Marc Chagall ist ebenso wenig Franzose, wie sein richtiger Name Marc Chagall ist, er ist russisch-jüdischer Herkunft und wurde getauft mit dem viel melodischeren Namen Moshe Segal, was in seinen Papieren russifiziert wurde zu Moische Chazkelewitsch Schagalow bzw. Moishe Zakharovich Shagalov. Auch sein Geburtsdatum wird häufig falsch angegeben, nach dem damals in Russland angewandten julianischen Kalender wurde der Künstler am 24. Juni 1887 geboren.

Marc Chagall 1941

Marc Chagall 1941;
von Carl Van Vechten, via Wikimedia Commons

Das umgerechnete Datum im gregorianischen Kalender wäre im 19. Jahrhundert der 6. Juli und erst ab 1900 der 7. Juli, wer behauptet, Chagall wäre am 7.7.1887 geboren, liegt also nach beiden Kalendern falsch (Chagall selbst zweifelte überhaupt daran, dass seine Eltern das Geburtsjahr richtig angegeben hatten, er hielt sich für jünger, wäre aber nur mit dem niedergelegten Datum vom Militärdienst befreit worden).

Viele wirklich beschlagene Kunstfreunde werden jedoch glänzende Augen bekommen, wenn Sie Interesse am Werk eines der berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts zeigen, denn nicht nur seine Kirchenfenster faszinieren.

Moshe Segal kam in Peskowatik zur Welt, einer Vorstadt von Vitebsk, das damals im Russischen Kaiserreich lag und heute zu Weißrussland gehört. Vitebsk war etwa zur Hälfte von jüdisch-orthodoxen Einwohnern wie Chagalls Eltern bevölkert, die zur Arbeiterklasse gehörten und außer ihm noch neun Geschwister aufzuziehen hatten. Die sie gut zu ernähren wussten, der Vater arbeitete in der Heringsfischerei, die Mutter führte ein kleines Lebensmittelgeschäft.

Auch in der Erziehung leisteten Chagalls Eltern Außergewöhnliches: Schon in der Cheder, der jüdischen Religionsschule, hatte Chagall aufgrund seines Stotterns Schwierigkeiten. Der Vater gab ihm zu Hause sprachfördernden Gesangsunterricht, die Mutter bestach den Lehrer, damit Moshe die städtische Schule besuchen konnte. Normalerweise wurden dort keine Juden aufgenommen, nur so konnte Chagall zum Jiddischen auch die russische Sprache lernen. Er konnte nun auch Geigenunterricht nehmen und zu zeichnen beginnen, nach Abschlus der Gemeindeschule wurde er 1906 Schüler im Atelier des bedeutenden Malers Jehuda Pen, der an der Petersburger Kunstakademie studiert hatte.

Chagall ging nun mit einem Freund nach Sankt Petersburg, um sich an verschiedenen Schulen abschließend zum Künstler ausbilden zu lassen. Er besucht unter anderen die kaiserliche Kunstakademie der Hauptstadt und verschiedene Privatschulen und lernte den russisch-französischen Maler Léon Bakst kennen, der ihn mit den aktuellen Strömungen in der Malerei bekannt machte und ihm von der großen Resonanz vorschwärmte, die russische Kunst in Paris erhalte.

Chagall besuchte in dieser Zeit auch immer wieder das heimische Witebsk, wo ihm seine spätere Frau Bella Rosenfeld Modell stand (einen der ersten dieser Versuche in der Aktmalerei entdeckte die entsetzte Mutter, Chagall übermalte ihn daraufhin, dieses Bild nannte er leicht spöttisch “Begräbnis”). Er fertigte zu dieser Zeit bereits einige aufsehenerregende Werke an, auch sein berühmtes schwarz-weißes Bild „Der Tote“ stammt aus dieser Periode. So konnte er auch schon erste Bilder verkaufen, mit dem Erlös und einem kleinen Stipendium eines Gönners konnte Chagall nun im September 1910 nach Paris aufbrechen.

Marc Chagall - Selbstportrait von 1914

Marc Chagall – Selbstportrait von 1914;
von Marc Chagall (territa.ru/photo/556-0-37377), via Wikimedia Commons

Er nahm sich ein eigenes Atelier in Montparnasse, voller Hoffnung auf die Unterstützung der in Paris lebenden russischen Künstler, Wassili Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Jacques Lipchitz beispielsweise. Zunächst mit wenig Erfolg, erst in seinem Winter 1911/1912 bezogenen Atelier in der Künstlersiedlung “La Ruche” setzte er sich mitten in die künstlerische Avantgarde von Paris und lernte gefragte Maler wie Robert Delaunay, Amedeo Modigliani, Fernand Léger und Albert Gleizes kennen. Auch mit den Dichtern Max Jacob, Guillaume Apollinaire und Blaise Cendrars war er bald befreundet, und sein neues Atelier war größer und erlaubte größere Bildformate.

Aus dieser Zeit stammt Chagalls Spitzname “Malerpoet”, wenn seine Freunde ihn jedoch “le poète” nannten, weil er den Pariser Beinamen „la ville lumière“ (die Lichtstadt) in “la lumière-liberté” (das Licht der Freiheit) umdichtete, dachte Chagall weniger poetisch als vielmehr ganz konkret an Freiheit: In seiner zaristisch regierten Heimat brauchte er z. B. als Jude eine Aufenthaltserlaubnis für die Hauptstadt seiner Heimat! Chagall genoss diese Freiheit und sah sich die Gemälde möglichst vieler bekannter Künstlern an, wenn er abends von seinen Museumsbesuchen und Spaziergängen ins Atelier zurückkehrte, wurden die Erlebnisse des Tages voller Phantasie in Bildern gestaltet.

Bald durfte Chagall an den ersten Pariser Kunstausstellungen teilnehmen, in diesen “Salons” lernte er die Farbexplosionen der Fauvisten und die abstrakten Konstruktionen der Kubisten kennen, die ihn beflügelten. Nach ersten kubistisch angehauchten Versuchen konnte Chagall nun eine erste eigene Form entwickeln, auch wenn sein Werk „Meiner Braut gewidmet“ als pornografisch angesehen wurde, wurde Chagall damit 1912 auf dem bedeutenden Pariser Frühjahrssalon zugelassen. Seine Bilder wurden damals schon von Apollinaire als “surnaturel“ betitelt, erst gut 10 Jahre später sprach man dann von “surreal” und einer neuen Kunstrichtung, dem “Surrealismus”. Chagall setzte nun die Gouache (mit Wasser angesetzte Deckfarbe auf Papier) als bevorzugte Darstellungsweise ein, mit der er all seine spontanen Improvisationen preiswert festhalten konnte. In seinen vier Pariser Jahren malte Chagall Hunderte von Gouachen und nur etwa 40 Leinwandbilder, die für geplante Werke vorbehalten waren.

1913 lernte er durch Apollinaire den Berliner Kunsthändler Herwarth Walden kennen, der ihn auf den ersten Herbstsalon in Berlin mitnahm. 1914 organisierte Walden in seiner Berliner Galerie “Der Sturm” die erste Einzelausstellung Chagalls. Als der Künstler auf dem Weg zur Vernissage nach Berlin in Witebsk seine Familie und seine Verlobte besuchte, brach der Erste Weltkrieg aus, die Grenzen wurden geschlossen und eine Rückkehr nach Paris unmöglich. Chagall heiratete nun erst einmal und siedelte mit seiner Frau Bella 1915 in die inzwischen Petrograd genannte Hauptstadt um, wo 1916 die Tochter Ida geboren wurde. Anstatt Militärdienst arbeitete er in einer Dienststelle für Kriegswirtschaft und erforschte die neue Kunst in Russland, stellte 1916 in Moskau aus und malte von den Kriegserlebnissen geprägte Bilder.

Die künstlerische Phantasie schien in Paris zurückgeblieben zu sein, Soldaten, Familie, Straßenszenen und Landschaft lieferten die Motive, bis Chagall vom revolutionären Umbruch in Russland vereinnahmt wurde. Er wollte mitwirken, mit Konzeption einer Kunstschule in Witebsk, die er als 1918 ernannter Kommissar für die „Schönen Künste“ im Gouvernement Witebsk 1919 gründen konnte. Er konnte verschiedene Künstler der russischen Avantgarde (z. B. Kasimir Malewitsch, El Lissitzky, Iwan Albertowitsch Puni) nach Witebsk holen, wo sie nicht den Hunger litten wie im restlichen Russland, außerdem organisierte Chagall Ausstellungen und kümmerte sich um die Neu- und Wiedereröffnung von Museen.

Marc Chagall - Kirchenfenster in Chichester

Marc Chagall – Kirchenfenster in Chichester;
von PaddyBriggs (Own work), via Wikimedia Commons

Ein Streit mit Malewitsch, der mit seinem Bild “Schwarzes Quadrat auf weißem Grund” die Richtung der neuen russischen Kunst vorgab, führte 1920 zu Chagalls Rücktritt von der Leitung der Kunstakademie. Chagalls bunte und fantasievolle Kunst passte nicht in eine solche Auffassung einer “reinen Malerei” und er selbst passte nicht mehr in die offizielle Ideologie, nach einer kargen Zeit in und um Moskau brach Chagall 1922 nach Berlin auf. Walden hatte zwischenzeitlich die von Chagall in Berlin zurückgelassenen Bilder verkauft und den Erlös auf ein Konto eingezahlt, wegen der Inflation in Deutschland war das jedoch keine finanzielle Absicherung für die Familie Chagall, sondern ein wertloses Guthaben.

Also ging Chagall 1923 mit seiner Familie nach Paris, wo er vom Verleger Ambroise Vollard den Auftrag erhielt, “Die toten Seelen“ von Nikolai Gogol zu illustrieren, bis 1927 entstanden 96 Radierungen. Nun begann eine höchst produktive Periode, Chagall malte die verlorenen Bilder nach und erhielt einen weiteren Illustrationsauftrag von Vollard (die Fabeln von Jean de La Fontaines), die ihn bis 1931 beschäftigten, 1926 fand seine erste Ausstellung in New York statt, ein Vertrag mit Kunsthändler Bernheim befreite die Familie nun von allen finanziellen Sorgen. Es folgten viele Reisen, nach Südfrankreich, nach Palästina zur Vorbereitung von Bibelillustrationen für Vollard (die Chagall von 1931 bis 1939 und 1952 bis 1956 bearbeiten sollte), in die Niederlande. 1933 fand in der Kunsthalle von Basel hatte die erste große Chagall-Retrospektive statt.

Sehr früh spürt der sensible Künstler die vom Dritten Reich ausgehende Bedrohung für die jüdische Welt, auch dieser unglaubliche Künstler kann der Horror bringenden Dummheit des damaligen Deutschland nur in vielen Wirren und Gefahren entgehen, die wenigen Bilder dieser Zeit gelähmter Schaffenskraft drücken sein Entsetzen aus. Nach einer Irrfahrt durch Italien und Frankreich wird die Familie Chagall durch die Auswanderung nach Amerika gerettet, wo sie am 23. Juni 1941 eintreffen. In New York trifft Chagall Freunde wie Breton, Léger, Mondrian und Masson, die schon vor ihm emigrieren konnten.

Er kann zunächst wieder einige optimistischere Arbeiten vollbringen, Bühnenbilder und Ballettkostüme für ein Ballett zur Musik Tschaikowskis, das in Mexiko-Stadt uraufgeführt wird, das europäische Kriegsgeschehen beschäftigt ihn jedoch weiter und schlägt sich in einigen berühmten Bildern nieder, wie „Der Krieg“ oder „Die Kreuzigung in Gelb“. Als seine Frau Bella 1944 an einem Virusinfekt stirbt, fällt Chagall in eine Depression, er ist monatelang nicht fähig zu malen. 1945 beginnt er eine neue Beziehung zu Virginia Haggard McNeil, aus der 1946 Chagalls Sohn David McNeil hervorging, er fing jetzt auch allmählich wieder zu malen an.

Im gleichen Jahr stattet er Strawinskys “Der Feuervogel“ für die Metropolitan Opera in New York aus, 1946 schließt sich eine Chagall-Retrospektive im Museum of Modern Art an. 1946 kehrt Chagall zwar scheinbar aus dem Exil in seine schöpferische Heimat Paris zurück, sehnt sich aber auch nach seiner neuen Heimat, in der er inzwischen ein neues Atelier in einem kleinen Dorf in den Catskill Mountains (im Norden New Yorks) bezogen hatte. Es geht mehrfach zwischen der alten und der neuen Welt hin und her, 1947 hat Chagall Ausstellungen in Paris, Amsterdam und London, 1948 beschließen Chagall und Virginia dann doch, sich mit den Kindern in Frankreich niederzulassen.

Seit 1949 wohnt Chagall in Saint-Jean-Cap-Ferrat an der Côte d’Azur, es folgen Ausstellungen und Preise in Europa, Chagall veröffentlicht Lithografien und fertigt Wandmalereien und beschäftigt sich erstmals mit Keramik, 1950 findet eine große Retrospektiv-Ausstellung im Züricher Kunsthaus statt. Er trennt sich von Virginia und heiratet im Juli 1952 die Russin Walentina Brodsky (“Wawa“), eine Stärkung für seine Schaffenskraft. Mit ihr unternimmt er Reisen nach Griechenland, um neue lithographische Aufträge zu bearbeiten, in der 1950er Jahren erscheinen die La Fontaine-Fabeln mit seinen Illustrationen, 1957 die so lange bearbeiteten Bibel-Illustrationen, 1961 folgte “Daphnis und Chloe“. Chagall widmet Paris, seinem „zweiten Witebsk“, eine Reihe von Bildern, stellt in Deutschland und der Schweiz aus, eröffnet 1957 in Haifa (Israel) und hält Vorträge in Chicago und in Brüssel. In dieser Zeit liegt auch der Beginn seiner Arbeiten an kirchlichen Glasfenstern, die Entwürfe für die Fenster der Kathedrale von Metz entstanden 1958.

Der bereits über 70-jährige Chagall wird inzwischen in der ganzen Welt bewundert, er wird zum Ehrenmitglied von Kunstakademien, Ehrendoktor und Ehrenbürger berufen und mehrfach zur documenta eingeladen, viele Retrospektiven weltweit in der ganzen Welt finden statt und viele weitere Kirchenväter möchten ihre Kathedralen oder Synagogen mit Glasfenstern von Chagall ausgestattet sehen, der die Glasmalerei durch seine Malweise zu einer neuen, einzigartigen Blüte bringt.

Bis zu seinem Tod, er starb im März 1985 mit fast 98 Jahren in Frankreich, war Chagall ununterbrochen gefragt und beschäftigt und erhielt laufend weitere Ehrungen. Die Liebe zu seinen vielfältigen Arbeiten, ob es sich um Mosaiken, Lithographien, Glasfenster, Bilder oder andere Ausdrucksformen handelt, ist seitdem nie abgeebbt. Die Beschäftigung mit der eigentlichen Aussage seines symbolisch reich verzierten Werks könnte noch Generationen von Kunsttheoretikern beschäftigen. Die gutherzige Fröhlichkeit und Freundlichkeit der meisten seiner Bilder (Der Spiegel, 13/1959), die sich ein Künstler bewahrt hat, der durch die Hölle des Nationalsozialismus gegangen ist, kann sicher manchen schwer geprüften Menschen aufrichten. Sie dürfen die verzückenden Kunstwerke, in denen geflügelte Fische Violine spielen, Kühe auf Dächern lagern und Sie mitten in einem Blumenstrauß ein winziges Liebespaar entdecken können, aber auch einfach nur genießen.

Im nachfolgenden Video sehen Sie eine Präsentation einiger seiner Werke zur wunderbaren Musik von Pachelbels Canon:

Marc Chagall - Der Malerpoet

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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