Jonathan Meese – Schaffen und Werk

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Jonathan Meese gehört zu mit Sicherheit zu den interessantesten deutschen Künstlern der gegenwärtigen Zeit. Mit ebenso großer Sicherheit gehört er auch zu den umstrittensten Künstlern der gegenwärtigen Zeit. Was um so mehr zum Versuch einer Annäherung einlädt:

Was macht Jonathan Meese eigentlich für Kunst?

Jonathan Meese malt und formt Skulpturen, gestaltet Performances und Installationen, dreht Videokunst, stellt Collagen zusammen und erdenkt für Theater Bühnenbilder oder Inszenierungen. Auf Deutsch, er macht vieles in allen Bereichen der Kunst, ein verbindendes Element ist eher die Häufigkeit, mit der er auch zweifelhafte Persönlichkeiten der Weltgeschichte, unsympathische Heldensagen und bedrohliche alte Mythen zum Thema seiner Arbeiten macht.

Diese Themenwahl macht Sinn, wenn man beobachtet, wie häufig Meese in seinen Arbeiten versucht, “deutschen Wahn” und deutsche Mythologien mitunter auf durchaus aggressive Art und Weise zu referenzieren. In bekennender Nachfolge zum Geschichtsverarbeiter Anselm Kiefer treibt Meese eine ähnliche Art der “Teufelsaustreibung”, wenn in seinen Installationen Vokabeln wie “Blutlazarett, Erzreligion, Ernte und Saat, Erzsöldner Richard Wagner, Privatarmee und Waffe” verwendet werden.

Nach Meese “ist Alles Spielzeug. Das ist alles gewesen. Ob Kommunismus, Nationalsozialismus, das alte Ägypten oder das alte Rom, nichts kommt wieder. Von der Straße kann ich mir auch keine Revolution mehr erhoffen, der Mensch schafft das nicht. Wir sollten etwas anderes sich lostreten lassen, der Vulkan der Kunst möge ausbrechen.“

Jonathan Meese und seine Performance "Erzstaat Atlantisis", Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen

Jonathan Meese und seine Performance “Erzstaat Atlantisis”, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen;
von Warburg [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Seine Kunst lässt also durchaus ein Anflug von Revolution nicht vermissen, und das von den Anfängen an. Meese bewies sich trotz seines Studienabbruchs im Jahr 1998 schnell als Ausnahmebegabung, er wurde begrüßt von künstlerischen Größen der Zeit wie Daniel Richter und Leander Haußmann, und vor allem legte er ein unglaubliches Tempo vor:

Die Ausnahmebegabung Meese

Nach ersten Ausstellungen noch in der Studienzeit fertigt Meese noch im gleichen Jahr die Kulisse und Bühnenbilder für den Film “Sonnenallee” von Claus Boje, Leander Haußmann und Detlev Buck, daraus entstand eine Inszenierung, die sich zu einem umfassenden Spektakel des inzwischen auch als Autor tätigen Künstlers auswächst: “Mr. Deltoid’s a.k.a. Urleandrusus’ – Sonnenallee – AHOI DE ANGST – FAIR WELL Good Bye” wird 1999 im Neuen Aachener Kunstverein gezeigt.

Mit der Rolle des verrückten Künstlers in “Sonnenalle” arbeitet Meese erstmals als Schauspieler, im Jahr 1999 finden dann noch die Schaufensteraustellung und Künstlerbuchpräsentation „Frontbibliothek Meese“ in der Buchhandlung Walther König in Köln, die Ausstellungen „Schnitt bringt Schnitte“ im Ausstellungsraum Schnitt (beide in Köln), „Sonnentanz/ Der Weidenmann/ Nahrung/ Erzisis“ in der Kunsthalle St. Gallen, „Wunderkammern: Erzreligion Blutlazarett/ Erzsöldner Richard Wagner / Privatarmee Ernte und Saat/ Waffe: Erzblut der Isis/ Nahrung: Bluterz“ im Frankfurter Kunstverein, „Information – Erlösung – Wiederkehr/ Richard Wagners Privatarmee Lichterz“ in der Kunsthalle Bielefeld und „Gesinnung ‘99 – Der letzte Lichtstrahl des Jahrtausends“, with Erwin Kneihsl in der Contemporary Fine Arts in Berlin statt.

Während dieser Zeit wird Meese auch im Ausland bekannt: Er hatte 1998 auf der ersten Berliner Biennale die Installation „Ahoi der Angst“ präsentiert, eine bunte Collage, gewidmet dem Marquis de Sade, in der Politiker, Musiker und Schauspieler verarbeitet wurden, die Besucher Musik hören und Gedichte lesen, aber auch das Video Caligula anschauen konnten. Diese mit zahlreichen Postern garnierte Installation war das erste Werk Meeses, das von den Medien über die Grenzen Deutschlands hinaus umfassend behandelt wurde. Hier kann man die ersten Kommentare einer totalen Verwirrung lesen, die später für Meese typisch werden sollen: Das Kunstwerk wurde als “Labyrinth der Sentimentalitäten“ bezeichnet (Kunstmagazin Art), gleichzeitig aber auch als “Horrorkabinett zwischen Porno, Charles Bronson und Slayer“ (Peter Richter) oder als “zugemülltes Jungs-Zimmer“ (Berliner Zeitung). 1998 ist Meese auch noch in Wien zu sehen, in der Gruppenausstellung „Junge Szene ’98“, in Basle auf der Kunstmesse „Liste 98“, in London als Teilnehmer der Ausstellung “Site Construction” der South London Gallery und in Marseille auf der Ausstellung „Today Tomorrow“ der Galerie de l’Ecole Supérieure des Beaux-Arts de Marseille.

Vom Jahr 1999 an mehrten sich seine Auftritte, in Gruppenausstellungen und als Solo-Präsentation, national und international. Es gibt interessante Rauminstallationen und Performances zu sehen, sicher ist auf jeden Fall, dass auch Meese in persona zu sehen ist. Egal ob in Verkleidung oder als Teil einer Collage, in einem Bild oder einer Zeichnung, oder schlichtweg in Aktion, der Künstler stellt auch immer seinen Körper zur Verfügung, wenn er seine Werke mit Themen zur Geschichtsbewältigung und mit Anspielungen auf die deutsche Philosophie- und Literaturgeschichte ausstattet. Meese scheut sich nicht, bei seinen Performances und Aktionen auch Adolf Hitler wieder in Erinnerung zu rufen, mehrfach zeigte er provokativ den verbotenen Hitlergruß.

2004 wendet sich Meese wieder dem Theater zu, für die Inszenierung “Kokain“ von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne entwarf er das Bühnenbild, außerdem arbeitet er für das Theaterfestival Avignon und die Festspiele Salzburg. 2005 erstellt er das Bühnenbild für “Magic Afternoon“ unter Regie von Angela Richter, das Stück ist in Hamburg, Berlin und Düsseldorf zu sehen.

2006 inszeniert er im Schlosspark Neuhardenberg mit Martin Wuttke das Theaterstück “Zarathustra. Die Gestalten sind unterwegs.“ und fertigt das Bühnenbild für “Die Meistersänger“ Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. In diesem Jahr erdenkt er auch gemeinsam mit Daniel Richter den Arbeitszyklus “Die Peitsche der Erinnerung“, der Werkstücke beider Künstler über ihren Umgang mit der Geschichte entstehen lässt. Anstoß für die Arbeitsidee war das mittelalterliche Grab des Stader Erzbischofs Gottfried von Arnsberg, so wird die Ausstellung auch zuerst im Kunsthaus Stade gezeigt, die von Meese zwischendurch ergänzte Werkgruppe zieht bis 2011 weiter nach Berlin und Hamburg, Rosenheim und Freiburg, Grenoble und Biel.

2007 inszeniert er an der Volksbühne Berlin sein erstes eigenes Theaterstück, das mit dem schwergängigen Titel “De Frau – Dr. Pounddaddylein – Dr. Ezodysseuszeusuzur” um Aufmerksamkeit ringen musste und auch inhaltlich wenig Beifall fand. Unter anderem wurde bemängelt, dass die bunte Mischung aus Penissen und Puppen, Hakenkreuzen und Skeletten und Spruchbändern bereits bekannt sein, “Für die Volksbühne mag er Frisches bringen, in seiner eigenen Kunst dreht er sich allerdings im Kreis”, war der Kommentar der Zeitschrift “Die Zeit”. Auf jeden Fall ist mit dem Bühnenbild für Castorfs „Fuck Off America“ an der Berliner Volksbühne 2008 erst einmal Schluss mit der Theaterarbeit, bis Meese 2010 das Bühnenbild für den “Dionysos“ auf den Salzburger Festspielen übernimmt.

Meese auf der ganzen Welt

Inzwischen sorgt jedoch bereits Meeses erste umfassende Werkübersicht “Mama Johnny“ in den Deichtorhallen in Hamburg für einige Monate meesetypischer Unterhaltung, mit über 150 Skulpturen und Gemälden, Fotografiearbeiten und Installationen, zum Beispiel mit einer überdimensionalen “Black Box” als Ausstellungsraum für eines seiner Bühnenbilder und mit zwei ebenso riesigen, begehbaren Skulpturen.

Mit dieser Werkschau hatte Meese es geschafft: Gleich nach deren Ende im September 2006 wurde Meese im Oktober in der Künstler-Rangliste des Magazins Capital unter den hundert bedeutendsten Künstlern Deutschlands eingereiht (ein Platz, den er bis heute im Wesentlichen behaupten kann), seit 2008 darf er die Medaille für den Roland Berger Preis für Menschenwürde gestalten.

Inzwischen waren noch viele weitere Ausstellungen von Jonathan Meese zu sehen, durchaus auch mit neuen Themen: „Erzstaat Atlantisis“ (Diktatur der Kunst) setzte sich im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen 2009 in rund 170 Skulpturen, über einem Dutzend Gemälden und Künstlerbüchern, zehn Filmen, 4 Klangquellen und einer großen Collage mit Joseph Beuys Werken zum Thema Atlantis auseinander. Die Selbstinszenierung Meeses war dort gekonnt wie nie, bei der Eröffnung überquerte Meese, uniformiert und in einem auf einer Fähre stehenden Militärjeep, mehrfach den Rhein, um dann unter Ausruf von Parolen zur “Diktatur der Kunst” in Begleitung der Presse das Arp Museum Rolandseck einzunehmen.

Ebenfalls 2009 nimmt sich Meese in Italien den Schriftsteller Gabriele D’Annunzio vor, den er in einer Installation mit dem schönen Titel „AHAB sagt: MOBY DICK ist KEINE DEMOKRATIE, ALLE DEMOKRATEN sitzen bald NICHT MEHR in einem BOOT (Schlachtschiff der KUNST sinkt nimmer)“ und einer ebenso schön betitelten Radioperformance (“DON LOLLYTADZIOZ Metabolismys stinkt nicht (PUPS)“) als einen der Mentoren Mussolinis und als Leitfigur der italienischen Faschisten bloßstellt.

Da ist sie wieder, die Geschichtsbewältigung, und sie zeigt sich auch in der Ausstellung mit dem Titel „Fleisch ist härter als Stahl – MEERPFERD FÖTUSMANN UND BEAUSATAN KÄSE AN DER OZBAR (Die geilblökenden DINGER)“, in der Meese und Herbert Volkmann im Herbst 2009 im Goslarer Mönchehaus Museum Arbeiten zeigen, die inhaltlich Goslars Geschichte als Residenzstadt und nationalsozialistische Reichsbauernstadt bearbeiten.

Im parallel veröffentlichten Goslarer Saalmanifest prophezeit Meese, dass die “Diktatur der Kunst bald alles umfassen werde” und erläutert, dass „Kunst keine Religion, aber jede Religion Kunst“ sei. Eines dieser Saalmanifeste soll uns aber auch mit so wichtigen Erkenntnissen erfreuen wie der folgenden: “alle japanischen Schulmädchenschlüpfer sind totale Kunst, da es sich notabene um Stoffwechseltums der Menschentiers handelt”.

Gleichzeitig werden seine “Gören” 2009 in den Skulpturenpark Köln aufgenommen, die natürlich mit einem solchen Kurztitel nicht auskommen, sondern sich in Gänze “Wir, Erzkinder lernen Macht (Süsses Dorf der Verdammtin) = Gören“ nennen.

Auf jeden Fall sind sie ziemlich figürlich und ziemlich hübsch und damit Kunstwerke, die auch dem kulturellen Durchschnittsmenschen gefallen können. Denen wird die Humpty-Dumpty-Maschine der totalen Zukunft, die 2010 vor der Alten Nationalgalerie in Berlin aufgestellt wurde, möglicherweise weniger gefallen, dafür haben aber alle technikaffinen Tüftler riesigen Spaß an ihr.

Jonathan Meese: Die Humpty-Dumpty-Maschine der totalen Zukunft, 2010; aufgestellt vor der Alten Nationalgalerie, Berlin

Jonathan Meese: Die Humpty-Dumpty-Maschine der totalen Zukunft, 2010; aufgestellt vor der Alten Nationalgalerie, Berlin;
von Photo: Andreas Praefcke (Eigenes Werk) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Meeses künstlerischer Antrieb – streitbar und kontrovers

Wenn Sie die Nase voll haben von menschen- und umweltverachtender Eigenmacht Regierender, könnte Ihnen auf den ersten Anschein des Künstlers Idee von der “Diktatur der Kunst” gefallen, bei der es nach Meese “um die liebevollste Herrschaft einer Sache geht, wie Liebe, Demut und Respekt, zusammengefasst und gipfelnd in der Herrschaft der Kunst.” Allerdings zeigt Meeses Diktatur der Kunst einen recht elitären Anspruch, er grenzt die Kunst sogar sehr entschieden von allen Werken mit Gebrauchswert und gefälliger Schönheit ab. So formuliert Meese 2012 in einem Kunstgespräch aus Anlass der documenta: „Ich leide darunter, dass mir irgendwelche Skulpturen als Kunst verkauft werden, aber in Wahrheit Design sind. Ich leide darunter, dass mir beschissene Malerei gezeigt wird, die in Wirklichkeit hochgepushte Illustration ist.“

Wenn Sie die Nase voll haben von unbegrenzter Eigenmacht, werden Sie sich mit einem solchen diktatorischen Anspruch wahrscheinlich eher nicht anfreunden können, nach dem nur “die Sache regiert, wie Licht, Atmung, Gelee (Erz), Liebe oder totale Schönheit, wie z. B. Scarlett Johansson.“

In diesem Fall könnte Ihnen jedoch Meeses immer wieder vorscheinende Neigung zum Grotesken gefallen, mit der er sich nicht nur mittels Parodie von Nazigrößen oder durch den Gebrauch von nationalsozialistischem Schundvokabular „gegen das Schöne und Wahre und Gute richtet“ (Harald Falckenberg, Leiter der Kulturstiftung Phoenix Art in Hamburg, nach dem “Narren in der Gesellschaft eine reinigende Kraft haben, weil sie das richtige in Frage stellen“.

Wenn Meese den Hitlergruß in vielen Aktionen provokativ zur Schau stellt, ist das wohl so lange noch immer als mahnende Erinnerung angebracht und scheint “eine Generation” wohl gerade nicht “so frei von diesem Schatten”, wie Georg Diez in seinem Beitrag „Führer spielen – Warum deutsche Künstler die Finger von Hitler lassen sollten“ in der Zeit im Juli 2007 feststellte, wie das überkommene Gedankengut noch an vielen Ecken in Deutschland zu spüren ist.

Im nachfolgenden kurzen Video erlangen Sie einen kleinen Einblick in die Inszenierungskunst von Meese (im Arp Museum Rolandseck erstmals als sein komplettes plastisches Werk unter dem Titel «Erzstaat Atlantisis») KULTUR.21 über den Künstler und seine Mythenwelt:

Jonathan Meese - Schaffen und Werk

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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