Science-Fiction Cyberpunk trifft auf einen multisensorischen Farbenrausch der Neurosynapsen
von Sandra Braun
Lu Yang (*1984, Pronomen: er/ihm) ist ein von der Kritik gefeierter internationaler New-Media-Künstler der Gegenwart und aufstrebender Star der zeitgenössischen Cyberpunk-Kunstszene Asiens mit Sitz in Shanghai, in China. Lu Yang arbeitet in den Bereichen 3D-Animation, Motion-Capture, Artifical Intelligence, Virtual Realtity, Film, Live-Performance, Video-Game-Installation und Hologramme im Spannungsfeld zwischen realem, analogem Raum und virtueller, digitaler Welt und damit auch an der Schnittstelle zwischen Cyberpunk und KI im Internetzeitalter.
Damit repräsentiert Lu Yang eine junge Generation der asiatischen Kunstszene, die die ethischen, sozialen und existenziellen Implikationen unserer digitalen Existenz erforscht und dabei die Potentiale fortschrittlicher Technologien aus den Bio- und Neurowissenschaften u.a im Hinblick auf dystopische Zukunftsszenarien oder sozialen Verfall auslotet. Durch die Integration hinduistisch-buddhistischer Philosophien und uralter Mythen verstehen sich Lu Yangs Kunstwerke aber wiederum auch als Chance, die menschliche Begrenztheit durch Selbstoptimierung und neue Subjektivierungsformen zu hinterfragen.
In seinen Werken schafft er dabei neue digitale Welten und Ausstellungssettings mit Anleihen an die Gaming-Szene, Manga-Kultur, J- und K-Pop, in denen beispielsweise medizinische Selbstoptimierungsverfahren, wie das Body Enhancement, Kybernetik (vgl. Ghost in the Shell) und cyboreske Eingriffe in den menschlichen Körper visualisiert werden, wobei die Grenzen menschlicher Leiblichkeit und irdischer Existenz durch fortschritlliche Maschinen-Kybernetik und kognitive Erweiterungen ganz im Sinne des Transhumanismus überwunden werden.
Neben seinen 3-D-Avataren seiner Selbst (Avatar DOKU), Manga- bzw. Amerika-Super-Helden*innen und virtuell tanzenden Gottheiten haben Lu Yangs Werke stets auch biografische Züge: Während seiner Kindheit litt Lu Yang an Asthma und unterzog sich verschiedenen Behandlungen in Krankenhäusern und Notaufnahmen. Lu Yangs fiktive Helden demonstrieren somit häufig auch eine Auseinandersetzung mit der Medizintechnik und den Neurowissenschaften und referieren auf die eigenen Erfahrungen und vor allem die eigene Faszination Lu Yangs für neurowissenschaftliche Verfahren und posthumane Existenzen.
“I don’t know if it’s because I spent a large part of my childhood in hospitals, that I really like hospital environments and feel quite at home there. When I was a child, I was afflicted with asthma and other illnesses for a long time. When I was taken to hospital afer an attack in the middle of the night, the smell of antiseptics there immediately made me feel well again” (Lu Yang 2013).
Charakteristisch für die Werke Lu Yangs ist, dass der Künstler High-Brow und Low-Brow-Kulturelemente ohne eine Hierarchie von Hochkultur und Popkultur miteinander verbindet – neben Icons aus der japanischen Sub- und Pop-Kultur, der Otaka-Kultur, (dystopische Science-Fiction, Anime-Mangas, Cosplay etc), stehen ebenso hinduistisch – buddhistisch – religiöse Symbole und Motive traditioneller Mythen.
Der Mensch dienst ihm dabei stets als Ausgangsmaterial seiner digitalen Inszenierungen, auf den er selber in seinen Werken in Gestalt eines digitalen Stellvertreters verweist, um dabei auch seine eigenen, zumeist selbstrefenziellen Überlegungen zu neurowissenschaftlichen Verfahren und menschlichen Bewusstseinsebenen auf einen digitalen Körper zu projizieren.
Die asiatische Kulturszene feierte Lu Yangs Werke auf zahlreichen Ausstellungen in China weltweit und auf zahlreichen Biennalen, darunter die 59. Venedig Biennale 2022. Er war mit wichtigen Solo- und Gruppenausstellungen an Orten wie dem Centre Pompidou, dem France Art Center in Shanghai, dem Monumentum Berlin und dem Tampa Museum of Art vertreten. Unter den prominentesten seiner Projekte sind vor allem „Kimu Kawa Cancer Baby“, „Uterus Man“ und „War of King Kong Core“ zu erwähnen. Lu Yang ist ebenso Preisträger renommierter Preise, darunter des BMW Art Culture Award 2019.
2022 wurde er Träger des Artist of the Year Award der Deutschen Bank.
Lu Yang zählt damit zu einem der begehrtesten und einflussreichsten internationalen Künstler und Vertreter der zeitgenössischen chinesischen Medienkunst der letzten Jahre.
2020 schuf Lu Yang seinen digitalen nicht-binären 3-D-Avatar DOKU als Klon mit seinen Gesichtszügen, einen Gestaltenwandler – eine digitale Reinkarnation Lu Yangs selber und damit eine selbstoptimierte Version seiner Selbst, die abseits von Identitätszuschreibungen Fragen nach Körperlichkeit, Geschlecht, Geist und Bewusstsein thematisiert – inspiriert von dem japanisch- buddhistischen Begriff “Dokusho Dokushi”, (sinngemäß: Wir werden alleine geboren und wir sterben alleine).
„Religion came first because my grandmother was a Buddhist.”
“I think religion is something that can easily plant a seed in someone’s heart if the person is young. Once you learn too much and become suspicious, it’ll be difficult to get into any belief systems. So, my family provided me with this background, which left an impact on me very early on, but during those early years I always thought of it as a mere superstition. I did read a lot of books about Buddhism, but only the extremely accessible ones. Then in high school I started reading more intermediate level scriptures, and that’s when I became genuinely interested in Buddhist ideas.“ (Lu Yang 2018)
(Abb.: Detail aus der Videoinstallation im Glasvorbau der Kieler Kunsthalle: # Pop-up Kunsthalle Kiel – Lu Yang: Electromagnetic Brainology, Foto: Copyright: Jens Rönnau Kiel, vgl. SHZ v. 09.02.2026)
Futuristischer Cyberpunk trifft auf Arcade-Spiele
„Electromagnetic Brainology“ist eine großformatige immersive fünf-Kanal-Videoinstallation, in dem neonleuchtende synthetische Cyberpunk-Avatare aus dem Videospiel-Universum als buddhistische„Gottheiten“ zu einer elektronischen Musik tanzen, die in Kooperation mit dem Musik-Produzenten-Team invisible manners der J-Pop-Szene entstanden ist. Die vier „Gottheiten“ der Videoinstallation entsprechen dabei den vier großen und am weitesten verbreiteten Erkrankungen des menschlichen Nervensystems, wie u.a. Parkinson, die wiederum nach hinduistischer und buddhistischer Interpretation den vier Elemente des Universums zuzuordnen sind: Erde, Luft, Wasser und Feuer (Vimalakirti-Sutra). Diese vier Hauptelemente des Universums oder des Kosmos korrespondieren dabei auch mit den vier Elementen des Körpers, die wiederum jeweils als Anubhava (Konzept von Anubhava), als physische Erscheinungen und Warhnehmungen von Emotionen und Reaktionen des Körpers gelten.
Die Erd-Gottheit in Lu Yangs Videoarbeit symbolisiert den menschlichen Schmerz, menschliches Leiden. Die für die Schmerzwahrnehmung zuständigen Hirnareale im zerebralen Kortex nehmen dabei über neuronale Schmerzrezeptoren Schmerzsignale wahr und verarbeiten diese (auch Phantomschmerzen). Der Wasser-Gott wiederum kontrolliert den Blutkreislauf und die Zirkulation der Körperflüssigkeiten im menschlichen Körper, der Wind-Gott repräsentiert das menschliche Atmungssystem, während der Feuer-Gott das komplexe Zusammenspiel aus Wärmeempfinden und Temperatur reguliert.
Jeder virtuelle Avatar einer buddhistischen Gottheit trägt auf dem Haupt eine Stereotactic-Head-Frame-Krone bzw. Kopfmaske mit DBS-Technolgie (Deep Brain Stimulation Mukut) und in der Hand einen TMS-Stab oder eine TMS -Magnetspule(Transkraniale Magnetstimulationsstange). Diese Attribute sind als die Superpowers der vier Gottheiten zu interpretieren – Fähigkeiten, mit denen die vier zentralen Erkrankungen des menschlichen Nervensystems und vor allem menschlicher Schmerz überwunden werden können. Das menschliche Bewusstsein würde sich so von seiner körperlichen Dinglichkeit, dem Leib-Sein und seiner Begrenztheit loslösen. Damit würden die vier fiktiven Gottheiten beispielsweise auch neurologischen Zustände wie Depressionen, Ängste und Schlaflosigkeit und deren Symptome regulieren und therapieren helfen.
Die neurowissenschaftlichen Verfahren TMS-Stab und DBS-Technologie fungieren in der immersiven futuristisch bunten Videoarbeit Lu Yangs als die sich selbststärkenden Super-oder Master-Kombos fiktiver humanoider nicht-binäerer Martial-Arts-Kämpfer*innen. Die TMS-Technologie wird in den Neurowissenschaften dazu verwendet, um mit elektrischen Magnetfeldern Bereiche des Gehirns zu stimulieren oder zu hemmen, während die DBS-Technologie mit einer elektromagnetischen Stimulation verbunden ist, um die neurologischen und vor allem spirituellen Potentiale des Gehirns zu aktivieren (Neurostimulations-Therapie).
Damit symbolisieren die vier Gottheiten vermutlich auch vier Ebenen einer spirituellen Reise des Bewusstseins und spirituellen Reinkarnation.
Martial Arts Kämpfer*innen und K-Pop-Choreographie
Ein zentrales und immer wiederkehrenden Element in Lu Yangs Arbeiten bildet die Tanz – Performance seiner fiktiven Helden wie in Welcome to LuYang Hell(2017) oder Encephalon Heaven (2017). Das Motiv des Tanzes an sich ist dabei per se ein archaisches und universelles vor allem aber menschliches Symbol, das von zutiefst rituellen Charakter geprägt ist. Die virtuell tanzenden „Gottheiten“, humanoide Gottheiten und Personifikationen der vier Elemente in Electromagnetic Brainology, sind nur in ihrem Erscheingungsbild angelehnt an Martial-Arts-Kämpfer*innen aus Arcade Fighting Games wie Street Fighter oder anderer Fighting Games.
Darüber hinaus referiert die Chroreographie auf traditionelle Tempeltänze Vietnams und Kambodschas aus dem 12. Jahrhundert und bezieht sich damit auf buddhistische und hinduistische Rituale. Hier sei der kosmische und göttliche Tanz Tandava erwähnt, eine bildliche Erscheingungsform des Hindu-Gottes Shiva, der darüber hinaus eine Manifestation des Prozesses und des Zyklus` aus Schöfung, Zerstörung und Wiedererschaffung des Universums darstellt.
Die synchronen Tanz-Performances wiederum finden ihre Vorbilder in Boy- und Girlbands, insbesondere im K-Pop-Bereich, wie z. B. Performances von Miku Hatsune, was die Verschmelzung von hinduistischer, buddhistischer Hochkultur mit asiatischer Pop-Kultur unterstreicht.
In seiner immersiven Videoarbeit „Electromagnetic Brainology“ erreicht der Künstler durch die Installation nicht-binärer Avatare in posthumanistischer futuristischer Cyberpunk-Ästhetik angelehnt an farbintensive Arcade-Spiele eine Digitalisierung des menschlichen Körpers und neue Subjektivitätsformen.
Die hier visualisierten grundlegende Überlegungen und Erforschungen Lu Yangs zu hinduistischer und buddhistischer Philosophie über den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt (Reinkarnation), seine Gedanken zur geschlechlichen Identität, zur Befreiung menschlicher Körperlichkeit durch cyborekse Technologien und spirituellen Denkkategorien haben starke selbstreferentielle Bezüge. Optisch verweisen die virtuellen Avatare auf popkulturelle Anleihen, insbesondere auf amerikanische Actionfiguren der 80er Jahre („Masters of the Universe“).
Damit inszenieren die hypnotisch-bunten animierten Figuren Lu Yangs abseits dystopischer Welten von Zerstörung und Wiedergeburt, Schmerz und Krankheit, einen digitalen und farbintensiven Sinnesrausch als tröstlichen und versöhnenden Blick auf ein zukünftiges Dies- und Jenseits, in dem die Angst, des posthumanen Selbst vor dem, was bleibt, wenn die Körperlichkeit vergangen ist, einer Euphorie und Ekstase weicht. Das sich dematerialisiernde Selbst akzeptiert schlussendlich den Prozess der Auflösung aller biologischer Überbleibsel, bis nur noch das Nervensystem und spirituelle Bewusstseinsformen existieren als posthumane Formen zukünftiger Existenzen.
Rosi Braidotti, Philosophin und feministische Theoretikerin, positioniert Lu Yangs Kunstwerke künstlerisch zwischen Post-Internet Art und Post-digital Art und thematisch zwischen Cyberfeminismus und Posthumanismus mit deutlichen Schwerpunkten auf Sinofuturismus und Transhumanismus.
Die farbintensive Video-Ausstellung „Electromagnetic Brainology“ von Lu Yang ist in der Kieler Kunsthalle aufgrund der Sanierung des Museumsgebäudes für die Außenansicht konzipiert und wird im Glasvorbau im Düsternbrooker Weg 1, 24105 Kiel noch bis zum 15. März 2026 gezeigt.
Sie kann täglich von 6 Uhr bis 0 Uhr besichtigt werden. Kostenfreie Sonntagsführung finden jeweils um 11 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.
Sandra Braun (ebenso ausgebildete Diplom-Finanzwirtin) studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und ev. Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (2002–2010). Nach dem erfolgreichen Abschluss (Magistra Artium) arbeitete sie am dortigen Kunsthistorischen Institut (2010–2012) u.a. im DFG-Forschungsprojekt “Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein” von Prof. Dr. Uwe Albrecht. Im Anschluss daran folgten verschiedene Forschungsstipendien (u.a. DAAD (Doktorandenstipendium), Hildebrandsfonden, Böckler-Mare-Balticum Stiftung) und ein dreijähriges Promotionsstipendium am ZKFL Lübeck (Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck). Danach war sie als freiberufliche Kunsthistorikerin tätig und mehrere Jahre als Teamleitung im Schloss Gottorf, dem Wikingermuseum Haithabu und dem Eisenkunstgussmuseum in Büdelsdorf zuständig für die Kassen- und Aufsichtskräfte.
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