Takashi Murakami – Bindeglied zwischen Kunst und Kommerz

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Wenn Sie Ihr Weihnachtsfest in wie auch immer gearteter Weise durch Kunst bereichern möchten, durch ein Kunstwerk als Geschenk oder durch kleine, künstlerisch gefertigte Accessoires, stehen Sie unweigerlich beim Einkauf irgendwann an irgendeinem Punkt der Grenzlinie zwischen Kunst und kommerziellem Kitsch.

Dann stellt sich vielen Menschen die Frage: “Kaufen oder nicht kaufen? Als witzige Bereicherung des Alltags begrüßen oder als unerträglichen Kitsch im Regal stehen lassen?” Wohl populärstes Beispiel für die Diskussion, die im Rahmen dieser Abgrenzung regelmäßig geführt wird, ist der japanische Künstler Takashi Murakami, für viele “der geschäftstüchtigste Künstler seit Warhol”.

Takashi Murakami im Jahre 2006

Takashi Murakami im Jahre 2006, von Yamashita Yohei aus Tokyo, JAPAN [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Murakami wurde am 1. Februar 1962 in Tokio geboren, in diesem Zentrum alter und junger japanischer Kunst durchlief der Künstler die traditionelle japanische Kunstausbildung: Er studierte an der Tokyo National University of Fine Arts and Music, der bereits 1887 gegründeten Kunsthochschule von Tokio, eine der anerkanntesten Ausbildungsstätten für Musiker und Künstler in Japan. Er lernte in der japanischen Tradition der Meisterschüler, zum Inhalt seiner Ausbildung gehörte das Studium der Nihonga-Malerei, einer auf Bewahrung alter japanischer Malereikunst ausgerichteten Malschule. Die Nihonga-Schule versuchte die überkommenen Traditionen zu erhalten, indem sie weiterhin Naturdarstellungen mit selbst angerührten ursprünglichen Mineralfarben bevorzugte, abgelehnt wurden die Tiefendarstellung durch komplexe Perspektiven, Darstellungen von Schattenwurf, moderne Ölfarben und moderne Themen.

Die Beschränkungen dieser traditionsgebundenen Arbeitsweise empfand Murakami jedoch schon während des Studiums als unerträglich und unpassend. So wurde das Thema seiner Promotion, mit der er 1993 sein Studium beendete, die japanische Maltechnik “Yõga”, die mit ihrer Orientierung an westlichen Vorbildern den genauen Gegensatz der Nihonga darstellte (erst heute vermischen japanische Künstler Techniken der beiden Schulen).

Diese Wahl blieb nicht die einzige Lehre, die Murakami aus seiner Einstufung der “Nihonga” als nicht mehr zeitgemäße Kunstform zog, er ging noch viel weiter: Wenig später entnahm er seine Anregungen aus der Otaku-Kultur, der neuen japanischen (Sub)Kultur mit Manga und Anime als populärste Gattungen. Diese Inspirationen verführten Murakami zu zahlreichen Experimenten, in denen er die bunten Erzeugnisse der Popkultur noch bunter künstlerisch be- und verarbeitete, und führten ihn schließlich zu seiner eigenen Kunst und zur Entwicklung eines eigenen Kunstbegriffs.

Er erfand den Stil des “Superflat” (superflach), in dem er ausgesucht poppige Motive betont comicartig behandelt, vielleicht kommt hier doch ein wenig Nihonga durch, wenn er auf jede Schattierung und jegliche Schraffur verzichtet und ausschließlich mit flachen, bunten Farbflächen strukturiert. Seine Gemälde, Objekte, Skulpturen und Designs beziehen sich zwar auf die Otaku-Subkultur, wer genau hinschaut, erkennt jedoch, dass die Motive aussagekräftig isoliert werden oder ironisch in neue Zusammenhänge gestellt werden. Superflat soll fehlende Perspektive und Tiefe andeuten, nicht unbedingt nur in einer Dimension, nicht umsonst trägt sein Buch, in dem “Superflat” als philosophische Theorie über die japanische Kultur ausformuliert wird, den Titel “The Meaning of the Nonsense of the Meaning”.

Flower Matango des Künstlers Takashi Murakami in Versailles

Flower Matango des Künstlers Takashi Murakami in Versailles,
von dalbera [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

1996 entstand die Hiropon Factory mit ersten Ansätzen einer Massenproduktion, 2001 abgelöst durch die Kaikai Kiki Company. Das ist ein hypermodernes Unternehmen mit heute weit über 100 Mitarbeitern, in der seine zeitgenössische japanische Kunst seitdem gefertigt und vermarktet wird, in Tokio und in New York. Kaikai Kiki heißt übrigens “elegant und bizarr”. Die massenhafte Vermarktung seiner schrillen Popkunstwerke, meist mit einem passenden Merchandiseprodukt, gehört ausdrücklich zu Murakamis künstlerischem Konzept. Murakami hat diesen wirtschaftlich orientierten Kunstbegriff konsequent weiterentwickelt, inzwischen verschmilzt er Pop und Kultur, Kunst und Kommerz so vielfältig und ideenreich, dass Warhol mit seiner Pop-Art und Damien Hirst mit seinem diamantenbesetzten Totenschädel neben ihm wie echte Dilettanten dastehen.

Wer sich die Werke von Murakami jedoch betrachtet und sie als Kitsch abtut, oder seine millionenfach verkauften Massenprodukte nicht mehr als Kunst einstuft, liegt nach Meinung der Kunstkenner falsch – Murakami erhält mit seiner Kunst internationale Resonanz, sein Oeuvre wird als “Neo Pop” oder “Pop Surrealism” eingeordnet, er wird mit Kunstlegenden wie Jeff Koons und Andy Warhol verglichen.

Murakami konnte seine bunten Schöpfungen bereits auf vielen internationalen Ausstellungen zeigen: 2001 stellte das Tokioter Museum of Contemporary Art seine die Einzelausstellung “Summon Monsters? Open the Door? Heal? Or Die?” aus, im gleichen Jahr war er auch im Museum of Fine Arts im amerikanischen Boston zu sehen. Es folgten Ausstellungen in Frankreich und anderen Orten der USA, in Deutschland (2008 Museum für Moderne Kunst, Frankfurt) und Spanien (2009 Guggenheim Museum Bilbao). Dem breiten Publikum wurde der marketingbegabte Künstler durch ganz andere Aktionen bekannt: Er entwarf Albumcover für Kanye West, einen berühmten amerikanischen Rapper, Designs für den Taschenhersteller Louis Vuitton und vertreibt über mehrere Verkaufskanäle viele kleine bunte Produkte.

Vor allem die Vuitton-Designs gingen durch die Medien, seitdem tobt oben erwähnte Diskussion, und der Künstler freut sich und macht schon mal den Museumsshop zum Mittelpunkt einer Ausstellung. Das Amüsante daran: Je frecher er behauptet, Merchandising sei kein Nebenprodukt der Kunst, sondern die Kunst selbst, desto eifriger folgen ihm nicht wenige Kritiker und sind auf einmal ebenso der Meinung, dass auch seine massenhaften hergestellten Billigprodukte (plüschige Kissen in Blütenform, Mangafiguren und bunte Buttons) als Kunst anzusehen seien.

Bedenkenswert ist sicher die hier durchschimmernde japanische Einstellung, dass Handwerk und hohe Kunst nicht immer so strikt zu trennen seien, wie bei uns angeordnet oder vorausgesetzt wird. Erfreulich ist sicher auch, dass Murakami diese Einstellung global bekannt machen will.

Aber man darf sicher doch nachfragen, ob es begrüßenswert und angebracht ist, wenn Murakami diese “Nichttrennung” nun auch auf jedes künstlerische Merchandiseprodukt ausdehnen will. Denn eine unangemessen und diktatorisch anmutende Trennung zwischen Handwerk und Kunst bzw. hoher Kunst ist das Eine; jedes aus einem Künstlerhirn entsprungene Produktdesign und jedes Kissens und jede Tasche, die ein Kunstwerk als Merchandiseprodukt begleiten, als Kunst anzusehen, noch etwas ganz anderes.

Es wird wohl das Fazit einer Betrachtung von Murakamis Kunst bleiben, dass Kunst und Kunsthandwerk und Kitsch eben nicht ganz klar abzugrenzen sind, was Ihnen wiederum die Freiheit gibt, einfach das zu kaufen, was Ihnen gefällt. Sie dürfen sich wahrscheinlich auch die Freiheit vorbehalten, nicht alle Puppen, Kissen, Taschen, Handtücher, Schlüsselanhänger, Aufkleber und bedruckte Fußbälle mit Murakami-Design als Kunst einzuordnen.

Gerade vor Weihnachten könnte es witzig und spannend sein, ein vermeintliches Kitsch-Objekt zu verschenken, das sich erst im Nachhinein als kontroverses Kunstobjekt entpuppt, frei nach dem Motto: Kunst ist, was Freude macht!

Den Auftakt einer Videoreihe von 3Sat zu diesem außergewöhnlichen japanischen Neo Pop Künstler bekommen Sie in folgendem kurzen Video präsentiert:

Takashi Murakami ist wohl Japans erfolgreichster zeitgenössischer Künstler und zugleich eine lukrative Investition in der Kunstwelt. Die Preise für seine Werke sind in weniger als zehn Jahren um das 20-fache gestiegen.

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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  • Rainer Ostendorf Der Artikel hat mir gefallen. Schöne Grüsse aus
  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
  • Rainer Ostendorf Ein interessanter Artikel! Vielen Danken für die
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