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Steve Vai, Guthrie Govan, David Maxim Micic — wenn die E-Gitarre zur zeitgenössischen Kunstform wird

Tilman Totzke ist Musiker und E-Gitarrenlehrer aus Düsseldorf
Tilman Totzke
Tilman Totzke
Mi., 24. Juni 2026, 12:57 CEST

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Es gibt diesen einen Moment im Leben jedes Gitarristen. Den Moment, in dem man realisiert, dass die E-Gitarre eigentlich gar nicht dafür gedacht war, das zu tun, was man gerade hört.

Normalerweise assoziiert die Allgemeinheit die E-Gitarre ja mit schwitzenden Rockern, abgerissenen Jeans, lauten Röhrenamps und – seien wir ehrlich – einer gewissen rustikalen Handwerker-Romantik. Drei Akkorde, Vollgas, Feierabend. Das war lange Zeit der Vorschlaghammer unter den Musikinstrumenten. Natürlich gab es immer schon die brillanten Exzentriker. Jimi Hendrix hat sein Instrument auf der Bühne abgefackelt, Eddie Van Halen hat das Griffbrett in einen wahnwitzigen Stepptanz verwandelt. Und der Rock ’n’ Roll züchtete Egos heran, die in ihrer schieren Ausdehnung sonst eigentlich nur Lars Ulrich für sich beansprucht – und der spielt bekanntermaßen nicht mal Gitarre.

Aber dann gibt es da diese Typen, die aus diesem Vorschlaghammer plötzlich einen feinen Pinsel machen. Künstler, bei denen die Gitarre vom lauten Holzbrett zu einer zeitgenössischen Kunstform wird. Und das eigene musikalische Weltbild? Das wird mal eben gepflegt auf den Kopf gestellt.

Inhaltsverzeichnis Einblenden
1 Steve Vai – oder: Was mir unser Bassist beibrachte
2 Guthrie Govan — der Jesus unter den Gitarristen
3 David Maxim Micic – das Genie aus Belgrad
4 Was diese drei gemeinsam haben
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Steve Vai – oder: Was mir unser Bassist beibrachte

Fangen wir bei dem Mann an, der den Startschuss für diese völlig absurde Evolutionsstufe lieferte: Steve Vai.

Steve Vai bei einem Auftritt beim Majówka Festival 2023
Steve Vai bei einem Auftritt beim Majówka Festival 2023
Bildquelle: Wojciech Pędzich, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Mein erster Berührungspunkt mit Vai war rein technischer Natur – und komplett am Ziel vorbeigegangen. Als Teenager hatte ich eine sehr klare Weltanschauung: Floyd-Rose-Tremolo bedeutet automatisch geil. Das war für mich ein Naturgesetz. Vai hatte ein Floyd Rose. Also war Vai geil. Die Feinheiten seiner Technik, die Mikrotonalität, das Sprechen des Instruments – das alles lag in einer Dimension, die ich als 16-Jähriger noch gar nicht wahrnehmen konnte.

Ich hörte: Lärm mit Tremolo. Ich dachte: Kunstwerk.“

Was mich dann wirklich zur Erkenntnis brachte, war keine musikalische Erleuchtung. Es war Hubert.

Ich spielte damals in einer Teenie-Band namens Exit Only. Wir waren, um es freundlich zu formulieren, eine Sammlung von Möchtegern-Musikern mit sehr eindeutiger Vorbildwahl. Johannes, unsere zweite Gitarre, war offensichtlich ein Nirvana- und Pearl-Jam-Fan – nicht nur musikalisch, sondern in jeder Hinsicht. Lange Haare, Flanellhemd, dieser spezifische Blick ins Nichts. Der Typ lebte Kurt Cobain, ohne es je laut auszusprechen. Edgar saß am Schlagzeug und war der glühendste Lars-Ulrich-Fan der Greifswalder Geschichte. Er hatte sogar eine Dänemarkflagge an seinem Kit hängen. Das Problem: Lars war trotzdem überlegen als er – sah allerdings nicht so gut aus. Das muss man Edgar lassen.

Und dann war da Hubert. Hubert am Bass war das, was man einen stereotypen Band-Chaoten nennt – nur in gut. Zuverlässig wie ein Uhrwerk fehlten nach jeder Probe Kabel im Proberaum, die dann auf wundersame Weise irgendwann wieder in seinem Gigbag auftauchten. Das Entscheidende dabei: Er tat es mit so einer diebischen Selbstverständlichkeit, dass man ihn einfach mögen musste. Er war das Herzstück dieser Band – und ich vermisse ihn sehr. (Falls die Jungs diesen Artikel irgendwann lesen: Meldet euch!)

Er war aber auch der Ehrlichste von uns allen. Und Ehrlichkeit ist das Gefährlichste, was einem Teenager-Gitarristen passieren kann.

Nach einigen Proben saßen wir zusammen, und Hubert sagte mit der Beiläufigkeit eines Mannes, der gerade über das Wetter spricht: „Mann … wir klingen nicht nach uns.“

Ich: „Wir klingen doch geil.“

Hubert, ohne eine Sekunde zu zögern: „Tilman, gerade du musst was sagen. Wenn du spielst, hört man nur: Vai – Vai – Vai – Vai – Vai – nächster Ton – Vai.“

Für einen glühenden Vai-Fanboy von 16 Jahren war das eine Kriegserklärung. Meine stolze Teenager-Seele – die ohnehin schon auf Messers Schneide zwischen „Ich bin das größte Talent der Stadt“ und „Ich bin absolut mittelmäßig“ balancierte – hat das getroffen wie ein schlecht gestimmter C-Dur-Akkord. Das war schon eine tolle Zeit.

Heute weiß ich: Hubert hatte hundertprozentig Recht. Vorbilder dienen der Orientierung. Man sollte sie nicht kopieren. Aber das versteht man erst, wenn der eigene Bassist einem das ungefragt ins Gesicht sagt. Aus dem Möchtegern-Vai von Exit Only wurde irgendwann der Typ, der heute Gitarrenunterricht in Düsseldorf gibt. Hubert wäre vermutlich stolz. Oder er hätte noch ein Kabel mitgenommen.

Wer verstehen will, wie Vai wirklich tickt, sollte sich seinen offiziellen Übungsplan ansehen, den er einmal veröffentlichte. Zehn Stunden. Pro Tag. Mit eingeplanten Blöcken für verschiedene Techniken – und einem eigenen Zeitfenster für „emotionalen Ausdruck“. Nicht als Randnotiz. Als Programmpunkt. Ich habe meinen eigenen Übungsalltag daraufhin sehr ehrlich betrachtet und ihn mit dem seinen verglichen – einmal, kurz, und nie wieder. Für mein Ego.

1986 spielte Vai außerdem in dem Film Crossroads den Bösewicht-Gitarristen. Der Haken: Sein Charakter verliert am Ende das Gitarrenduell. Steve Vai verliert ein Gitarrenduell. Im Film. Gegen einen Teenager. Man muss sich vorstellen, wie das Gespräch am Set gewesen sein muss. „Steve, dein Charakter verliert.“ – Stille. – „Gitarre?“ – „Ja.“ – „Ich?“ – „Ok.“ Er hat es trotzdem gespielt. Und das sagt eigentlich alles über den Menschen Steve Vai: Er lacht sehr gerne über sich selbst und macht einfach mit. Bei jemandem mit dieser Fähigkeit ist das bemerkenswert – und erklärt vielleicht, warum seine Musik niemals kalt klingt, egal wie komplex sie wird.

Und dann natürlich noch das mit den Bienen. Der Typ, der auf der Bühne mit wehender Mähne steht und wie ein intergalaktischer Krieger sein Tremolo zähmt, ist im wahren Leben passionierter Imker. Kein Witz. Er nennt seine Bienen „fliegende Diamanten“ und füllt für Freunde den Honig ab. Nach einem dreistündigen Gitarren-Workout zieht er den Schutzanzug an und schaut den Bienen beim Produzieren von flüssigem Gold zu. Es gibt auf dieser Welt wenige Sätze, die ich so sehr liebe wie: Steve Vai, Bienenflüsterer.

Guthrie Govan — der Jesus unter den Gitarristen

Wenn wir schon bei spirituellen Vergleichen sind: Guthrie Govan sieht schlichtweg aus wie Jesus. Er läuft nicht über Wasser, aber er schwebt schwerelos über ein 24-Bund-Griffbrett – und der Effekt ist ähnlich übernatürlich.

Der Gitarrist Guthrie Govan auf Tour mit Steven Wilson (2013)
Der Gitarrist Guthrie Govan auf Tour mit Steven Wilson (2013)
Bildquelle: JesterWr, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Was Govan von fast allen anderen unterscheidet, ist die schiere Geschwindigkeit, mit der er Musiktheorie verarbeitet und umsetzt. Er denkt nicht in Skalen – er denkt in Systemen, und das schneller, als die meisten anderen überhaupt die Frage formulieren können. Ein wandelndes Konservatorium, das auch noch spielen kann. Hans Zimmer – der Mann, der Inception vertont hat, Interstellar, The Dark Knight – holte ihn für seine eigenen Live-Konzerte. Wenn jemand, der professionell das Unmögliche klanglich umsetzt, für seine Shows jemanden braucht, der noch eins draufsetzt: Es ist Govan. Das sagt alles.

Meine erste persönliche Begegnung mit ihm verdanke ich allerdings einem Bekannten namens Tom. Tom war – freundlich formuliert – ein ziemlicher Idiot. Er gehörte zu dieser sehr speziellen Spezies von Musik-Snobs, die absichtlich das Obskurste erwähnen, nur um sich daran zu weiden, wie das Gegenüber aus reiner Höflichkeit nickt. Eines Tages warf Tom völlig beiläufig in den Raum: „Ey, dieser Govan – wie der Legato spielt, ne? Quasi komplett ohne Overdrive und Zerre drauf, so unglaublich sauber.“

Ich legte sofort meinen Kennerblick auf und nickte souverän: „Ah ja, Govan. Wahnsinn, der Typ.“

Spoiler: Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon er redete.

Als ich Govan dann heimlich googelte, sah ich diesen Jesus-Doppelgänger, der auf der Bühne wirkt, als würde er völlig tiefenentspannt auf den Bus warten – während er zeitgleich Arpeggios aus dem Ärmel schüttelt, für die andere ihre Seele an der nächsten Kreuzung verkaufen würden. Bei Guthrie verschmelzen Jazz, Rock und Fusion zu etwas völlig Eigenem. Er ist das perfekte Beispiel für absolute musikalische Erleuchtung – ganz ohne Predigt und ganz ohne zu schwitzen.

David Maxim Micic – das Genie aus Belgrad

Dann gibt es noch eine ganz neue Generation. Plini zum Beispiel – er ist mir aber zu clean und zu vorhersehbar. Ich verstehe die Begeisterung für Plini, aber mein Herz schlägt für jemanden, den die meisten nicht kennen – und der genau deshalb verdient hat, erwähnt zu werden: David Maxim Micic.

David Maxim Micic zeigt seinen Rock/Metal/Progressive-Stil beim Prog Frog Festival (2017), KIFF, Aarau (Schweiz)
David Maxim Micic zeigt seinen Rock/Metal/Progressive-Stil beim Prog Frog Festival (2017), KIFF, Aarau (Schweiz)
Bildquelle: Stéphane Gallay aus Laconnex (Schweiz), CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Ich entdeckte ihn auf YouTube, irgendwann in der Periphery-Ära, als ich nach Musik suchte, die keine Angst hat. Das erste Album der Bilo-Serie war am Start, ich stieß auf ein Video zu einem Stück namens „Glog“ – und ab Minute 03:49 passierte etwas.

Ich drückte Pause. Drückte zurück auf 03:49. Drückte Play. Drückte wieder Pause. Das ging eine Weile so. Irgendwann schaute ich auf die Uhr und stellte fest, dass mein Abend weg war. Nicht gestohlen – er hatte sich einfach sang- und klanglos aufgelöst. Ich machte mir keine Gedanken darüber.

„Bilo“ bedeutet im Serbischen wörtlich „Puls“. Micic selbst interpretiert es aber noch etwas weiter: Es ist der musikalische Puls, das Leben, das durch die Töne fließt. Die Bilo-Alben sind im Grunde sein musikalisches Tagebuch – sie fangen den Vibe und die Energie genau des Lebensabschnitts ein, in dem sie entstanden sind. Das ist kein Zufall. David Maxim Micic, Kompositionsstudium am Berklee College of Music in Boston, ist kein Gitarrist, der komponiert – er ist ein Komponist, der zufällig auch Gitarre spielt. Der Unterschied klingt akademisch, ist es aber nicht: Man hört es sofort.

Bilo I war die Entdeckung – roh, interessant, ungewöhnlich, mit der Energie von jemandem, der gerade erst anfängt zu zeigen, was in ihm steckt. Aber dann kam „Who Bit the Moon“. Und da begann etwas anderes. Die Melodien blieben nicht nur im Kopf – sie bauten sich Zimmer darin ein und zogen ein. Träumerisch, zart, mit einer Verletzlichkeit, die man von diesem Genre nicht erwartet.

Und Bilo IV hat alles noch einmal getoppt. Die ersten beiden Stücke des Albums gehören für mich zu den schönsten musikalischen Intros, die ich kenne. Er hat dort etwas erreicht, das sehr schwer zu benennen ist: eine kindliche Ehrlichkeit im Klang. Rein. Unverstellt. So wie kleine Kinder zeichnen, bevor ihnen jemand erklärt, wie man „richtig“ zeichnet. Diese Qualität ist das Seltenste, was es in der Musik gibt – und er hat sie.

Ich werde jetzt etwas zugeben, das ich sonst nicht zugebe: Ab und zu steigen mir bei dieser Musik Tränen in die Augen. Nicht, weil ich gerne weine – ich bin schon ziemlich abgefuckt, das versichere ich -, sondern wegen dieser Ehrlichkeit. Er schafft es, etwas in Tönen zu sagen, das man eigentlich nicht in Tönen aussprechen kann. Das ist Kunst. Der Rest ist Technik.

Was diese drei gemeinsam haben

Ein Bienenzüchter aus Los Angeles, ein Jesus-Doppelgänger aus Essex und ein Belgrader Klangvisionär mit Berklee-Abschluss – klanglich könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Aber sie alle haben etwas zu sagen. Nicht nur zu spielen – zu sagen. Und genau das ist der Unterschied zwischen einem Handwerker und einem Künstler.

Die E-Gitarre war nie nur ein Vorschlaghammer. Manche haben es bloß früher gemerkt als andere. Als Gitarrenlehrer erlebe ich es heute regelmäßig: Der Moment, in dem ein Schüler seinen eigenen Vai findet – seinen eigenen Govan, seinen eigenen Micic –, ist der Moment, in dem aus Pflicht Leidenschaft wird. Und darum geht es am Ende.

Ich für meinen Teil habe es von Hubert gelernt. Und das Kabel, das damals im Proberaum verschwunden ist, hat er bis heute nicht zurückgegeben.

Tilman Totzke ist Musiker und E-Gitarrenlehrer aus Düsseldorf
Tilman Totzke

Tilman Totzke ist Musiker und E-Gitarrenlehrer aus Düsseldorf. Er unterrichtet Akustik und E-Gitarre seit 2010. Wenn er ausnahmsweise mal nicht unterrichtet, übt er selbst – täglich und konsequent. Ab und an verfasst er Artikel – mit einer gesunden Portion Selbstironie.

www.e-gitarrenunterricht-duesseldorf.de

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