Rosemarie Trockel – vielschichtige Künstlerin mit Mut zur Kritik

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Wir gratulieren Rosemarie Trockel herzlich zum 60. Geburtstag, der am 13.11.2012 gefeiert wurde!

Rosemarie Trockel – das sind zum Beispiel wunderschöne Skulpturen aus und mit lebenden Pflanzen, die in den deutschen Skulpturenparks zu besichtigen sind. Jedoch kennen viele Gärtner diese veränderlichen und sich ständig wandelnden Skulpturen nicht. Einige Gärtner kennen noch nicht einmal Rosemarie Trockel, die sich auf der “ewigen Rankingliste” der wohl bekanntesten Künstlerdatenbank im Netz unter dem ersten Drittel der 100 gefragtesten Künstler der Welt einreiht. Auf den jährlichen “Bestsellerlisten” der Kunst ist Trockel seit mehreren Jahren ziemlich weit oben zu finden, und in den einschlägigen Publikationen wird sie nicht selten als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Welt eingeordnet. Eine Künstlerin, die vor Salvadore Dalí oder Alberto Giacometti zu finden ist, sollte doch eigentlich in aller Munde sein, wieso ist das nicht ganz so?

Nun, ein Grund dafür ist vermutlich, dass Rosemarie Trockel nach Berichten ihrer Umgebung kein besonderes Interesse an einer gesteigerten Medienpräsenz zeigt, sie wird im Allgemeinen als eher zurückhaltend gegenüber öffentlicher Schaustellung beschrieben. Ein anderer Grund ist vielleicht, dass ihr Werk viel zu vielfältig und zu fantasiereich gestaltet ist, um es zu merchandisieren, also alle möglichen Nebenprodukte aus ihren Werken zu generieren und zu verkaufen.

Rosemarie Trockel ist 1952 im nordrhein-westfälischen Schwerte geboren und wuchs nicht weit entfernt davon in Leverkusen-Opladen auf, damals noch in weitgehend ländlicher Umgebung. Die Beamtentochter mit einem Maschinenbauingenieur zum Vater wurde von ihrer Familie nicht ununterbrochen mit Kunst in Berührung gebracht, aber auch völlig ohne jede “künstlerische Frühförderung” begann Trockel bereits früh und intensiv zu zeichnen. Bevor sie sich der Kunst widmete, absolvierte die folgsame Tochter jedoch “zur Beruhigung der Eltern” zuerst ein Lehramtsstudium. Mit 22 Jahren schloss sich der Besuch der Kölner Werkkunstschule an, wo sie sich für Malerei einschrieb. Sie lernte u. a. bei Werner Schriefers, der Maler, aber auch studierter Textilkünstler war, vielleicht liegen hier die Grundlagen ihrer Idee, textile Kunstwerke zu erschaffen.

Seit ihrem Abschluss 1978 hat Trockel viele Felder der Kunst erprobt, sie fertigte Bilder und Zeichnungen, schuf Skulpturen und Plastiken und Objekte, gestaltete Fotografien und Drucke und erdachte Installationen und Videoarbeiten.

Kurz nach Beendigung des Studiums lernte sie die Architektin Monika Sprüth kennen, die später ihre Galeristin wurde. Diese begleitete die Künstlerin häufig auf ihren Reisen in die USA, wo Trockel Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Barbara Kruger und Jenny Holzer kennenlernte. Die Arbeiten dieser in Kunstkreisen hoch angesehenen Frauen bestärkten sie in ihren eigenen künstlerischen Ideen, in denen z. B. die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft kritisch beäugt wurde, Trockel formulierte in ihren Werken auch eine sehr grundsätzliche Kritik am bestehenden Kunstbetrieb.

Seit ihrer ersten Einzelausstellung 1982 in Köln und Bonn riefen ihre Werke immer mehr Begeisterung hervor, bekannt wurden vor allem Trockels maschinengestrickte Bilder, in denen sie manche herkömmlich weibliche Domäne in ein gänzlich ungewohntes Licht setzte und die Bedeutung vieler gängiger Signets ironisch hinterfragte. Etwa gegen Ende der 1980er Jahre wurde Trockel auch in den USA bekannt, sie stellte 1988 im New Yorker Museum of Modern Art und 1991 in Chicago und Boston aus.

Rosemarie Trockel: Less Sauvage than Others (Weniger wild als andere) (2007) in Münster

Rosemarie Trockel: Less Sauvage than Others (Weniger wild als andere) (2007) in Münster;
By Leonce49 at de.wikipedia [CC-BY-SA-2.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)], from Wikimedia Commons

Ab dieser Zeit ging es unaufhörlich aufwärts: Auf der documenta X in Kassel baute sie 1997 zusammen mit Carsten Höller ein “Haus für Schweine und Menschen”. Hier wurden friedliche und glückliche Schweine mit entspannten Menschen vereint, was nicht nur die Massentierhaltung und -tötung als geradezu grotesk erscheinen ließ, sondern für alle, die so weit denken wollten, grundsätzlich das heutige Verhältnis von Mensch zu Tier mehr als kritisch hinterfragte, eine solche als unverschämt empfundene Frage erregte viel Aufsehen.

Rosemarie Trockel war die erste Frau, die 1999 den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig alleine gestaltete. Die Liste der dort bisher vertretenen Künstler im Lichte der Geschlechterverteilung illustriert sehr gut, wie notwendig Trockels Einsatz für Kunst schaffende Frauen im männerdominierten Kunstbetrieb ist.

1998 wurde Trockel zur Professorin an die Kunstakademie Düsseldorf berufen, zu ihren regelmäßigen Ausstellungen und Projekten gehören z. B. ein 2006 entstandenes Werk für den Skulpturenpark Köln und die Teilnahme an der Skulptur.Projekte Münster 2007. Im Oktober 2011 wurde Trockel wird mit dem Kaiserring der Stadt Goslar geehrt, seit 2012 ist sie Mitglied in der Akademie der Wissenschaften und Künste Nordrhein-Westfalens.

Trockels Kunst ist zu Recht beliebt, sie ist einfallsreich, witzig, nicht auf ein Material festgelegt und immer wieder ironisch. Ihre Werke sind vielschichtig und mit zahlreichen Anspielungen gespickt, und wenn in einer Kritik von “aggressiver Ironie gegen Männerphantasien” die Rede ist, sollten Sie sicher erst einmal schauen, ob der Autor nicht ein Mann ist. Denn von den Männern (und manchmal auch von den Frauen), die Kunstkritik beherrschen wollen, wird Trockel hartnäckig in die Ecke des Feminismus gestellt, obwohl von ihr selbst nicht sehr viel über dieses Thema zu lesen ist.

Zweifellos gehört sie zu denen, die nicht glauben, dass Frauen weniger wert sind als Männer, und natürlich hält Trockel es für ungerecht, wenn Männer für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommen als Frauen, und ist der Meinung, dass man dagegen kämpfen müsse. Es werden sich wahrscheinlich nicht viele Menschen in unserer Gesellschaft finden, die das anders sehen.

Abgesehen davon will Trockel aber eigentlich nur ihren Beruf ausüben, also Kunst schaffen. Deshalb hat sie sich auch immer gegen den Begriff der „Frauenkunst“ gewehrt, sie mag ihn überhaupt nicht, wenn sie gefragt wird, ob sie eine weibliche Sicht auf die Dinge habe, fragt sie trocken, welche sie denn auch sonst haben solle?

Denn dass Frauen eine andere Wahrnehmung als Männer haben, ist für sie eine Tatsache, und keine Frage der Emanzipation. Rosemarie Trockel ist mit ihrem Schaffen für alle Frauen, die das genau so sehen, eine ständige und höchst vitale Aufforderung, die Fäden selbst in die Hand zu nehmen, ohne sich dabei auf Gesellschaftskritik oder Feminismus reduzieren zu lassen.

Zu einer kleinen Werkübersicht der Künstlerin gelangen Sie über die Website des Museums für moderne Kunst in Frankfurt am Main

Außerdem können Sie ein paar ihrer Installationen und Werke im nachfolgenden Video betrachten. Zum Ende hin sehen Sie die Künstlerin auch noch kurz in explosiver Aktion:

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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  • Rainer Ostendorf Der Artikel hat mir gefallen. Schöne Grüsse aus
  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
  • Rainer Ostendorf Ein interessanter Artikel! Vielen Danken für die
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