Erwin Wurm – auf Kunstauktionen ein Gewinner

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Im Moment sind Auktionshäuser und Kunstauktionen in aller Munde, und damit interessieren sich auch immer mehr Kunstkäufer und Kunstliebhaber für die Mechanismen, die die Werke eines bestimmten Künstlers auf Kunstauktionen besonders erfolgreich und besonders teuer machen. Die Menschen, die eher Neugier und Leidenschaft als kaufmännisches Interesse mit Kunst verbinden, können Kunst allerdings auch ohne ein derartiges Wissen genießen.

Aber in jedem von uns steckt wohl ein kleiner Zocker, und auch wer Kunst kauft, weil er Kunst liebt, hat nichts dagegen, dass ein von ihm erworbenes Kunstwerk im Laufe der Zeit erheblich an Wert zulegt. Die gerade neu aufkommenden Anleger, die ihr Geld sicherer in Kunst als in Aktien aufbewahrt vermuten, müssen natürlich versuchen, dem Geheimnis der hohen Preise näher zu kommen. In diesem Zusammenhang ist es auf jeden Fall interessant, sich die Künstler einmal näher anzusehen, die auf den weltführenden Auktionen so richtig hoch gehandelt werden. Erwin Wurm gehört seit einigen Jahren zu diesen Künstlern, hier ein Überblick über sein Leben und sein Werk:

Erwin Wurm – Leben und Werk

Der österreichische Kunstschaffende wurde am 27.07.1954 in Bruck an der Mur geboren, der Bezirkshauptstadt der Steiermark. Bruck an der Mur ist mit rund 12.500 Einwohnern ein recht beschaulicher Ort, der dem jungen Erwin Wurm außer Kammermusiksaal, Heimatmuseum und Singkreis nicht viele künstlerische Anregungen bieten konnte, auch sein Vater, ein Kriminalbeamter, soll nicht begeistert gewesen sein, als sich sein Sohn an Kunst als Beruf interessiert zeigte.

Porträt des Künstlers Erwin Wurm (2012)

Porträt des Künstlers Erwin Wurm (2012)
von Manfred Kuzel [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Auf jeden Fall strebte auch der junge Wurm zunächst die Beamtenposition an, er studierte zuerst Kunstgeschichte und Germanistik im benachbarten Graz. Dann wechselte er jedoch ans Mozarteum Salzburg, wo er von 1977 bis 1979 ein Studium der Kunst- und Werkerziehung studierte, und von Salzburg führte ihn sein Weg nach Wien, an die Hochschule für angewandte Kunst und die Akademie der bildenden Künste. Er lernt bis 1982 Gestaltungslehre im Bereich Bildhauerei bei Bazon Brock, je nach Zeitpunkt seiner Matura hat er damit eine achtjährige bis zehnjährige künstlerische Ausbildung hinter sich.

Wurm beginnt sein künstlerisches Werk Anfang der 1980er Jahre mit Skulpturen aus Blech und aus Holz und mit allerlei künstlerisch verfremdeten Alltagsgegenständen, die vom Umgestalter mit Blei und/oder Farbe überzogen wurden. Im Laufe der Zeit wird sein Begriff der Skulptur freier, er verzichtet zunehmend mehr auf festes Material und Stabilität.

Diese erarbeitete Erweiterung des Begriffs der Skulptur verkörpert sich (oder verkörpert sich eben gerade nicht) z. B. in einer Reihe von “Staubobjekten” (ganz kurz: Vierrecke mit bestaubten Flächen). In den nunmehr über drei Jahrzehnten seines Schaffens erkundet Erwin Wurm mit unzähligen weiteren phantasievollen Ideen die Grenzen, die Skulpturen von Aktionen und Aktionen von Performances trennen oder eben gerade nicht trennen.

Wurms selbsterschaffener Skulpturbegriff wird nach einer entscheidenden Lebenskrise zu seinem vorläufigen Höhepunkt entwickelt. Wurm verliert innerhalb eines Jahres alle engen Angehörigen, die Eltern sterben beide, die Frau verlässt ihn und nimmt beide Söhne mit. Er äußert sich dazu in den 1990er Jahren in einer Reihe von “One Minute Sculptures”, in denen er Ausstellungsbesucher zusammen mit alltäglichen Gegenständen in der Ausstellung posieren lässt, sie werden so zu einem Teil einer nur kurze Zeit bestehenden und nur durch eine Fotografie dokumentierten Skulptur.

Wie viele berühmte Künstler ist Erwin Wurm an die Stätte seiner Ausbildung zurückgekehrt, er wirkte seit 2002 an der Universität für Angewandte Kunst Wien als Professor für Bildhauerei, Plastik und Multimedia-Kunst. Inzwischen nicht mehr, wie Wurm selbst angibt, sei er mit dem Leben und der Arbeit in Wien und New York zu beschäftigt, um die Studenten angemessen lehren zu können.

Wie und wo kam der “Durchbruch” für Erwin Wurm?

Wenn man Erwin Wurm selbst fragt, gibt es einen solchen Durchbruch eigentlich nicht, er könne schon seit vielen Jahren von seiner Kunst leben. Tatsächlich wird Wurm bereits 1982 zur ersten Gruppenausstellung geladen und hat in dieser Galerie (Galerie nächst St. Stephan) 1984 seine erste Einzelausstellung, und seitdem erhöht sich die Zahl seiner Ausstellungspräsenzen Jahr für Jahr und ziemlich gleichmäßig. Auf sehr sympathische Art erklärt Wurm selbst seinen Erfolg: Andauernder künstlerischer Erfolg könne nur gelingen, wenn die Arbeiten ein Element in sich bergen, das nicht nur eine Generation, sondern auch die nächste fasziniert.

“Am besten, man denkt gar nicht erst darüber nach”, sagt er auch, und “ich mache mir keine Illusionen, morgen kann auch bei mir wieder alles vorbei sein.” (http://derstandard.at/1304553594599/Bildhauer-mit-Office-Die-Kunst-des-konstanten-Erfolgs), und das ist wohl schon eher auf das gemünzt, was gemeinhin unter “Durchbruch” verstanden wird, nämlich eine Zeit eines eher unerwarteten und erstaunlichen finanziellen Erfolgs.

Wie dieser Durchbruch den Künstler Erwin Wurm ereilte, lässt sich nicht ganz genau festmachen, auf jeden Fall wurde er durch seine “One Minute Sculptures” über die speziell interessierten Kunstkreise hinaus in der Öffentlichkeit bekannt.

Sicher hat dazu beigetragen, dass diese “One Minute Sculptures” ins Video der Popgruppe Red Hot Chili Peppers zur Single „Can’t Stop“ 2003 Eingang fanden und auch Erschaffer und Inspirationsquelle Erwin Wurm im Video erwähnt wurde. Sicher spielt aber auch das Vergnügen eine Rolle, das die Besucher bei seinen Ausstellungen erwartet, auch dieser Erlebnischarakter seiner Arbeiten hat sich inzwischen herumgesprochen:

Erwin Wurm – Heute weltweit bekannt für interessante und amüsante Ausstellungen

Vielleicht begann sich die Kunde vom skurrilen Humor, der Wurms Arbeiten häufig anhaftet, mit der 2006er Ausstellung des MUMOK (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig) im MuseumsQuartier in Wien zu verbreiten. In der Ausstellung “Keep a cool Head” war passend zu diesem Titel auf dem Dach des Museums die “House Attack” zu sehen, ein schräg und verkehrt herum angebrachtes Einfamilienhaus, damals noch in Originalgröße, was durchaus für einige Aufregung sorgte.

2009 war z. B. Wurms Ausstellung “Desperate Philosophers” in der Xavier Hufkens Galerie in Brüssel zu sehen, mit einem Philosophen ohne Kopf namens “Suit” und so philosophischen Werken wie dem “Melting House I”, dem schmelzenden Haus (was es auch tut) und dem “Big Gulp”, der auch wirklich wie ein großer Gulp aussieht.

2010 stellte Wurm einen weiteren Philosophen ohne Kopf namens Cajetan und andere ebenso zurückhaltend gestaltete wie hintergründige Werke im Münchner Lenbachhaus (Städtische Galerie) aus. Im Kunstmuseum Bonn gibt es Werke von 2007 bis 2009 zu sehen, mit bezeichnenden Titeln wie “Do not have doubts” oder im Ganzen bezeichnend wie das Modell seines Elternhauses, nunmehr auf etwa ein Sechstel der Größe längsgeschrumpft.

Haus auf dem MUMOK

Haus auf dem MUMOK
von stopmangohome [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Noch im gleichen Jahr war Wurm mit ähnlichen und völlig neuartigen Werken wie dem “Selbstporträt als Essiggurkerl” oder dem zu den Philosophen gehörenden “Telekinetischen Masturbator” auch in Groningen (Niederlande), Florenz, Salzburg, New York und Peking zu sehen.

2011 ging es weiter mit kopflosen Figuren in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris, mit Klappbetten-Installationen in der Ausstellung “I am Erwin Wurm” (und genau diesem Schriftzug als ausgestelltes Kunstwerk) nach Kopenhagen, mit neuen “Selbstportrait als Essiggurken” und neuen “Narrow Houses” nach Odense (ebenfalls Dänemark) und Dornbirn (Österreich) und vielen geheimnisvollen Möbelstücken nach Wien (“Schöner Wohnen”). Ein “Narrow House” von Wurm war anschließend auf der 54. Biennale von Venedig zu bewundern, effektvoll an einem der Kanäle im Freien präsentiert.

Spätestens als Erwin Wurm nach der Biennale im Gemeentemuseum Den Haag wunderschöne und ziemlich anrührende Figuren (“Small Psychos Groups”) zeigt, wird er von den Kritikern als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler begrüßt. Viel Erfolg hat auch sein im belgischen Middelheimmuseum Antwerpen ausgestelltes “Fat House”, das wirklich richtig fett aussieht, jeder denkt unwillkürlich an den dicken, vielgehänselten Jungen in seiner Schulklasse.

Es sollen noch einige „Fat“-Skulpturen folgen, in denen werden all die kleinbürgerlichen Statussymbole “verfettet” bzw. aufgebläht, die den Wohlstandsbauch von einst abgelöst haben: Vor allem verschiedenste Sportwagen und Einfamilienhäuser, manchmal aber auch immer noch unglaublich aufgeblähte Männer (bei deren Betrachtung wohl die meisten Menschen an Börsenmakler denken).

2012 gibt es mehr “Gulps”, aber wie ein Gulp sehen sie alle aus, “Knitted walls”, die eben gestrickt an der Wand hängen, zauberhafte “Kästchen” und ziemlich verbogene “Drinking Sculptures” (“Beauty Business” im Bass Museum of Art, Miami Beach, USA), all diese sind auch in Dallas zu sehen, in Malaga sind dann viele neue Köstlichkeiten zu sehen, unter anderem verschiedenste Entwürfe rund um das Thema “Narrow House”.

Bis Ende Januar 2013 war Wurm im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen, mit einer neuen Installation und zwei “Melting Houses”, die aber echt schon ziemlich weit geschmolzen sind – wie es aussieht, ist er jedoch bei den Ideen wirklich nicht auf schmelzende Häuser angewiesen.

Jetzt möchten Sie, dass Ihnen die Autorin endlich richtig erklärt, was Erwin Wurm für eine Kunst macht? Verzeihen Sie, aber den T … werde ich tun, zunächst einmal natürlich aus reinem Unvermögen und dann auch noch aus purem Respekt vor dem Künstler.

Skulpturengruppe "Gurken" von Erwin Wurm (Furtwänglerpark, Salzburg)

Skulpturengruppe “Gurken” von Erwin Wurm (Furtwänglerpark, Salzburg)
Foto von Andreas Praefcke [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Eine Menge Ideen hätte ich schon, um deren Umsetzung ich ihn bitten würde, wenn ich mich trauen würde … vielleicht einen der vielen so furchtbar ungeschickt gekleideten Politiker als “Melting Politician”, einen wegen der Steuer nach Russland ausgewanderten Mimen als „Fat Freaky God“, den Richter eines süddeutschen OLG’s als kopfsuchenden Philosophen oder den Vorstand eines örtlichen Vereines als „Narrow Mind“ … ich bin sicher, auch Ihnen drängen sich sofort einige Ideen auf.

Auf jeden Fall ist Erwin Wurm wohl ein recht gutes Beispiel für die Künstler, deren Werke man ruhig etwas länger und umfassender betrachten sollte, weil der Blick vielleicht nicht sofort die ganze Phantasie, den ganzen Humor, die ganze Skurrilität oder den ganzen Zynismus erfasst – irgendwann tut er das aber, und irgendwann versteht man immer besser, warum Erwin Wurm gerade den österreichischen Staatspreis bekommen hat, warum er auf der Rankingliste der “käuflichen Kunst” inzwischen auf Platz 30 vorgerückt ist und warum die Mehrzahl der Kritiker ihn unter die 20 bedeutendsten Künstlern weltweit einreiht.

Wenn Sie gerade wieder reihenweise Kommentare irgendwelcher Kleingeister gelesen haben, die meinen, sowas wie Wurm könne auch ihre kleine Nichte (die übrigens nie die Chance dazu bekommen wird, Kleingeister lassen ihre Kinder keine Kunst machen): Schauen Sie sich Erwin Wurm selbst an und machen Sie sich selbst ein Bild.

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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  • Rainer Ostendorf Der Artikel hat mir gefallen. Schöne Grüsse aus
  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
  • Rainer Ostendorf Ein interessanter Artikel! Vielen Danken für die
  • Ayna Ich interessiere mich sehr für die Antike und der
  • Joachim Vielen Dank für deine Worte, Karin! Das machen wi

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