Ein Gespräch über Kunst, Nomadentum und die Rückkehr zur eigenen Wahrheit
Manchmal ist es kein lauter Bruch, der Veränderung einleitet, sondern ein leises Ziehen im Inneren. Eine Ahnung, dass das eigene Leben größer, weiter und wahrhaftiger sein darf. „Symbiosis“ ist aus genau diesem Gefühl entstanden – als langfristiges Kunstprojekt, als Lebensform und als Einladung. Dieses Gespräch öffnet einen Raum für Menschen im Wandel: für jene, die spüren, dass Erfolg, Sicherheit und Funktionieren allein nicht die ganze Geschichte sind – und dass Erinnerung der erste Schritt in Richtung Veränderung sein kann.

Kunstplaza: Viele Menschen spüren gerade, dass ihr Leben nicht (mehr) stimmig ist. Sie funktionieren, erfüllen Erwartungen, sind erfolgreich – und dennoch innerlich leer. An wen richtet sich eure Arbeit?
Lena: An genau diese Menschen. An jene, die leise – oder auch sehr deutlich – spüren, dass da noch mehr ist. Mehr Tiefe, mehr Wahrheit, mehr eigenes Leben.
Oliver: Unsere Kunst ist mehr als Deko. Sie ist eine Erinnerung, ein Portal. Und ein stiller, aber kraftvoller Anker für Menschen im Wandel, die sich wieder erlauben wollen zu träumen.
Kunstplaza: Euer eigener Weg ist radikal anders als der vieler anderer. Was war der eigentliche Grund für euren Aufbruch?
Lena: Seitdem ich klein bin, wollte ich reisen. Es war mir leider nur viel zu selten möglich. Im September 2022, als ich mit „Spencer“ mein erstes Auto hatte, folgte ich endlich dem Ruf des Nordens: Mit meinem kleinen Golf und einem Mini-Bett im Kofferraum machte ich mich auf Richtung Schweden. Zuerst nur begleitet von meinem kleinen Hund Filou …
Oliver: Und das war für mich der Punkt, alles auf eine Karte zu setzen! Denn genau zu dieser Zeit verliebte ich mich Hals über Kopf in Lena. Bereits zuvor zog es mich in andere Länder und ich spielte mit dem Gedanken, auszuwandern, neu anzufangen. Doch als ich von ihren Reiseplänen erfuhr, wusste ich: JETZT Ist der Moment, und es MUSS einen gemeinsamen Weg geben – sei es mindestens der Versuch für ein paar Monate. Was daraus wurde, seht ihr hier an meiner Hand! [zeigt seinen Ehering]
Lena: Das war wohl der Moment, in dem wir gemerkt haben: „Wir leben ein gutes Leben – aber ist es wirklich unseres?“ Wir haben funktioniert, geplant, optimiert. Und gleichzeitig wurde es innerlich immer leiser. Unser Aufbruch war kein Weg-von-etwas, sondern ein Hin-zu-uns. Zu einem Leben, das sich richtig anfühlt.

Kunstplaza: Ihr habt euch für ein nomadisches Leben entschieden. Warum gerade diese Form?
Lena: Ich würde sagen, weil sie sich richtig anfühlt. Und vielleicht, weil sie einfach unserer Natur entspricht. Bewegung hält uns wach. Orte, Landschaften und Begegnungen spiegeln uns, wer wir gerade sind.
Oliver: Und weil wir – fast zufällig – erkannt haben, dass dieses Lebensmodell viel älter ist, als wir dachten.
Kunstplaza: Ihr bezieht euch auf das Buch „Im Grunde gut“. Welche Rolle spielt diese Erkenntnis für euch?
Oliver: Eine große. Zu erfahren, dass die Menschheit über Zehntausende von Jahren nomadisch, friedlich und nachhaltig gelebt hat, war für uns wie eine Bestätigung auf tiefer Ebene. Erst mit Besitzansprüchen, Abgrenzung und Kontrolle begannen viele der Probleme, die wir heute kollektiv spüren. Dass wir uns ausgerechnet jetzt wieder für ein so ursprüngliches Lebensmodell entscheiden, fühlt sich nicht wie Flucht an – sondern wie eine Erinnerung.
Kunstplaza: Eure Fotokunst wirkt sehr ästhetisch – und dabei kraftvoll, lebendig und vielschichtig. Gleichzeitig sagt ihr, dass sie allein oft nicht ausreicht. Was meint ihr damit?
Lena: Wir haben schmerzlich gelernt: Ohne Kontext bleibt unsere Kunst für viele „schön“. Inmitten der KI-Bilderflut geht sie häufig unter. Erst im Kontakt wird sie lebendig. Wenn Menschen uns begegnen, unsere Geschichten hören und verstehen, was uns zu einem Werk geführt hat – dann passiert etwas. Dann wollen sie diese Bilder nicht nur sehen, sondern mitnehmen. Mit nach Hause. In ihr Leben.
Kunstplaza: Ihr testet gerade eine – eher anonyme – Ausstellungssituation. Was zeigt euch das?
Oliver: Dass Anonymität Distanz schafft. Selbst begleitende Texte ersetzen keine echte Begegnung. Unsere Kunst lebt von Verbindung, vom Gespräch, vom gemeinsamen Innehalten. Deshalb verstehen wir uns weniger als Aussteller – und mehr als Katalysatoren.



Kunstplaza: Katalysatoren wofür?
Oliver: Für unerfüllte Lebensträume. Für Sehnsüchte, die lange unterdrückt wurden. Wir merken immer wieder, dass Menschen sich in unseren Bildern wiederfinden – jedoch nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie einmal waren oder sein wollten.
Lena: Und spannenderweise sehen Menschen in unseren Bildern ganz oft ganz andere Dinge als wir!
Kunstplaza: Gab es eine Begegnung, die das besonders deutlich gemacht hat?
Lena: Ja. Eine ältere Dame auf einem kleinen Scheunen-Weihnachtsmarkt. Sie stand lange vor einer unserer Arbeiten, auf der ich zu sehen bin. Sie war so berührt, dass ihr Tränen kamen. In diesem Moment wurde spürbar, dass sie nicht mich sah, sondern ihr eigenes, gelebtes und ungelebtes Leben. Solche Begegnungen sind einer der Gründe, warum wir weitermachen.
Kunstplaza: Wenn eure Kunst im direkten Kontakt ihre volle Wirkung entfaltet – was bedeutet das konkret für eure Arbeit heute?
Oliver: Dass wir rausgehen, uns zeigen, da sind! Unsere Arbeit endet nicht mit dem Druck eines Bildes, sondern beginnt oft erst im Gespräch. Wir haben verstanden, dass Begegnung kein Bonus ist, sondern der Kern.

Kunstplaza: Daraus sind eure „Symbiosis Live“-Events entstanden. Was gibt es dort, das in einer klassischen Ausstellung nicht möglich ist?
Lena: Zeit. Tiefe. Resonanz. Bei Symbiosis Live entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem Menschen nicht nur schauen, sondern fühlen, fragen und erzählen. Unsere Bilder werden nicht erklärt – sie werden geteilt. Und genau dadurch entfalten sie ihre Kraft.
Kunstplaza: Was erleben Menschen, wenn sie zu einem Symbiosis Live Event kommen?
Lena: Manche kommen neugierig, andere erschöpft. Viele gehen ruhiger – und gleichzeitig klarer. Es geht nicht um Inspiration von außen, sondern um Erinnerung von innen.

Kunstplaza: Gibt es etwas, das Besucher:innen fast immer mitnehmen – unabhängig davon, ob sie ein Kunstwerk kaufen oder nicht?
Oliver: die Erlaubnis, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Und die Gewissheit, dass Veränderung kein radikaler Cut sein muss – manchmal reicht ein erster, ehrlicher Schritt.
Kunstplaza: Warum, glaubt ihr, brauchen Menschen gerade jetzt solche Erfahrungsräume?
Oliver: Weil vieles zu laut geworden ist. Weil Optimierung und Selbstinszenierung so sehr erschöpfen. Und weil echte Verbindung – zu sich selbst und zu anderen – selten geworden ist. Symbiosis Live ist ein Gegengewicht.
Kunstplaza: Symbiosis Live findet an sehr unterschiedlichen Orten statt. Warum lohnt es sich für Hosts, euch einzuladen?
Lena: Weil sich ein Raum verändert, wenn echte Begegnung darin stattfindet.
Oliver: Ja, und Hosts schenken ihren Gästen damit nicht nur Kunst, sondern eine Erfahrung, die nachwirkt. Oft entstehen Gespräche, Verbindungen und Erinnerungen, die bleiben – weit über den Abend hinaus.
Kunstplaza: Für wen ist Symbiosis Live nicht gedacht?
Lena: Ganz klar für Menschen, die nur konsumieren wollen oder sich nur Tipps für ein nomadisches Leben holen wollen.
Oliver: Und für Eile und Oberflächlichkeit. Symbiosis Live braucht Offenheit – alles andere darf draußen bleiben.

Kunstplaza: Wenn Symbiosis Live ein Gefühl wäre, mit dem Menschen nach Hause gehen – welches wäre das?
Lena: Verbundenheit. Mit sich selbst. Und mit der kribbeligen Ahnung, dass das eigene Leben noch größer, freier und wahrhaftiger sein darf!
Oliver: Genau! Denn, wenn WIR das schaffen – warum sollten es andere nicht auch?
Kunstplaza: Was gebt ihr den Menschen mit eurer Arbeit zurück?
Lena: Wir zeigen ihnen auf, dass sie die Erlaubnis bereits haben. Es gibt keine Anleitung und kein Versprechen. Nur die stille Einladung, wieder zu fühlen.
Oliver: Und zu träumen – und den ersten Schritt zu gehen. Denn niemand kann einem diese Erlaubnis geben, außer man selbst.
Kunstplaza: Und wohin führt euch euer Weg als Nächstes?
Oliver: Wohin es uns gerade zieht. Konkret: Nach dem Balkan und Griechenland folgt 2026 Westeuropa mit Frankreich und Großbritannien.
Lena: Ja, und ich freu mich so auf Schottland! Wir sammeln Orte und Momente wie Fragmente – und weben sie zu Bildern, die erinnern: Dein Leben darf größer sein als das, was du bisher gelebt hast.
Symbiosis ist eine fortlaufende künstlerische Arbeit über Verbundenheit – zwischen Mensch und Natur, Kunst und Leben, Erinnerung und Zukunft.
