“Quartett” – Dustin Hoffmans erste Filmregie

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Ältere Menschen bekommen glänzende Augen, wenn vom Film “Die Reifeprüfung” die Rede ist, der Tag manches Jungmannes der 1970er war im Wesentlichen dadurch bestimmt, dem Titelhelden nachzueifern. Die erste kritische Auseinandersetzung mit unbequemer Historie erlebten diese Jahrgänge durch den “Marathon-Mann”, die erste Idee von einer Inkonsistenz der Geschlechterrollen mit “Tootsie”, das Vielleicht-Scheitern der nur fast gleichberechtigten Beziehung in “Kramer gegen Kramer”, das Ganz-sicher-Scheitern des in Wirklichkeit nur ausgenutzten Schein-Karrieristen in “Tod eines Handlungsreisenden” und die erste Begegnung mit der Einsamkeit, die Anderssein oder Krankheit oder Behinderung mit sich bringen, in “Rain Man”.

Dustin Hoffman ist in all diesen Filmen als auffallend guter Schauspieler zu sehen, als schüchterner Liebhaber, moralisch und körperlich unantastbarer Marathon-Mann, alberne Tootsie, karrieregeiler und unsensibler Vater, frustrierter Vertreter und ebenso brillanter wie sensibler Darsteller in der schwierigen Rolle eines Autisten. So möchten Sie ihn sicher nicht missen.

Auch jüngeren Jahrgängen ist Hoffman als Schauspieler ein Begriff, mit Filmen wie “Sleepers”, “Confidence”, “Das Urteil”, “Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich”, “Das Parfum”, Barney’s Version” und vielen weiteren war er auch im vergangenen Jahrzehnt durchaus häufiger Gast auf der Kinoleinwand.

Dustin Hoffman in Paris bei der fränzösischen Premiere seines Regiedebüts "Quartett"

Dustin Hoffman in Paris bei der fränzösischen Premiere seines Regiedebüts “Quartett”;
von Georges Biard [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Dustin Hoffmans Debüt als Filmregisseur

Am Sonntag, den 20. Januar 2013, um 11 Uhr in der Deutschen Oper Berlin, hat jedoch eine neue Ära begonnen, für Dustin Hoffman und für seine Fans: Die Deutschlandpremiere von „Quartett”, Dustin Hoffmans Regie-Debüt. Damit hat auch zum ersten Mal ein Kinofilm in der Deutschen Oper Berlin Premiere gefeiert, und es hat seinen Grund, dass diese Uraufführung in einem großen Opernhaus stattfand: „Quartett” ist ein Film, der die klassische Musik und das Leben (mit Musik) feiert.

Die Handlung beleuchtet das wirklich nicht gerade ruhige Geschehen in einer Residenz für ehemalige Opernsänger. Der Alterssitz für diese Opernsänger wurde gestiftet vom Opernkomponisten Guiseppe Verdi, und natürlich wird hier jedes Jahr zum Gedenktag von Verdis Geburtstag ein Konzert veranstaltet. Ein Konzert, das mit den Insassen besetzt wird, Sängern in sehr reifem Alter, die ihre bereits wahrnehmbaren Beschränkungen nicht immer wahrhaben möchten.

Die Besetzung ist ebenso brillant wie fern von Hollywood: Maggie Smith, mit über 50 Preisen verwöhnte britische Schauspielerlegende, spielt den im Alter gleichbleibend zickigen Opernstar Jean; zu Besuch und sofort als Star des geplanten Konzerts ausersehen, der mit seiner Egozentrik aber auch alles gefährdet. Nebenbei bringt sie die Nerven ihres einst verschmähten Ex-Ehemannes Reginald fast zum Zerreißen, eine fast beruhigend normale Rolle, von Tom Courtenay einfühlsam dargestellt. Die beiden haben noch andere Langzeitbekannte in der Residenz, Cecily und Wilfred, die vier waren früher ein berühmtes Opern-Quartett.

Eine solche Publicity-Gelegenheit kann sich Cedric Livingstone, der Direktor der Verdi-Gala, nicht entgehen lassen. Er wird gespielt vom irischen Schauspieler Michael Gambon, den die meisten von uns besser als Professor Albus Dumbledore kennen, hier macht er als eigensinniger und unermüdlicher Perfektionist ebenso viel Freude. Doch Cecily (Pauline Collins) ist schon ein wenig arg alterszerstreut, und Wilfred (Billy Connolly) kann eigentlich nur als zu alt für seine ewigen Anmacherallüren bezeichnet werden … man kann sich schon vorstellen, dass bei der Vorbereitung dieser Gala Einiges los ist.

Natürlich ist dabei viel von Verdi zu hören (der dieses Jahr auch wirklich seinen 200. Geburtstag feiert), wie auch die ganze Geschichte darauf zurückgeht, dass Verdi wirklich ein Altersheim für alternde Opernsänger ins Leben gerufen hat: Die auch als Casa Verdi bekannte Casa di Riposo per Musicisti in Mailand, die bereits durch den international begeisternden Dokumentarfilm „Il Bacio di Tosca“ (Daniel Schmid, 1984) weltbekannt wurde. Auch die Geschichte für “Quartett” wurde durch den Dokumentarfilm angeregt, und im Film konnte Hoffmann seine Ehrfurcht vor den alternden Sängern und vor der großartigen Musik so gut übermitteln, dass bei der Premiere im Publikum Tränen flossen. Das Altern und die Wut darüber gibt jede Menge Stoff für rührende Szenen her, aber auch für markige Sprüche, wenn z. B. nach Reginald “Oper ist, wenn ein Mann ein Messer in den Rücken gestoßen bekommt und nicht stirbt, sondern singt” oder wenn Cecily das Zitat von Bette Davis anbringt, nach dem “Altern nichts für Weicheier ist”.

Als angenehme Nebenerscheinung ist anzumerken, dass in “Quartett” vor allem das Rigoletto-Quartett “Bella figlia dell’amore” und das Trinklied aus La Traviata zu hören sind, während uns der Gefangenenchor aus Nabucco erspart bleibt, der für ältere Stimmen nicht sehr gut geeignet ist und so in “Il Bacio die Tosca” eher für peinliche Szenen sorgt.

Dustin Hoffman langer und dorniger Weg in die Regie

Warum Dustin Hoffman erst jetzt, im Alter von 75 Jahren, sein Regiedebüt gibt, hat er in den Interviews rund um die Filmpremieren erklärt. So erfahren wir vom jahrzehntelangen Ringen, der immer wieder an sich selbst gerichteten Frage: Habe ich das Talent zum Regisseur? Dustin Hoffman stellt seinen Weg zur Regie durchaus als traumatisch dar: “Ich habe wie jeder Mensch meine Dämonen, gegen die ich kämpfen muss. Einer dieser Dämonen war das Regieführen.”, kommt jedoch zu dem beruhigenden Schluss “Und jetzt, da ich es endlich gemacht habe, frage ich mich: Warum habe ich so lange gewartet?” (www.zeit.de/2013/02/Dustin-Hoffman-Quartett-Kinofilm).

Das fragen wir uns auch, oder vielleicht auch nicht, wenn wir zu der Altersgruppe gehören, die von Hoffmans ersten Regieversuch im Jahr 1978 wissen. In “Stunde der Bewährung” hatte sich Hoffman voll ins Zeug gelegt, als Regisseur, Hauptdarsteller und in jedem Produktionsdetail von der Drehbuchbearbeitung mit den Autoren bis zum Casting, um mitten im Dreh die Regie unsicher und entnervt an seinen Freund Ulu Grosbard zu übergeben und sich die Nennung als Co-Regisseur im Abspann zu verbeten.

Das war vor 35 Jahren, so lange galt Hoffman in Hollywood als “der Typ, der es nicht gepackt hat.”, oder fühlte sich zumindest so. Wobei keineswegs unterstellt werden soll, dass er nicht wieder und wieder auf das Thema Regie angesprochen wurde, dass er nicht wieder und wieder kurz davor war, sich als Regisseur zu versuchen, aber auch bei von ihm selbst mitbearbeiteten Stoffen wie Tootsie konnte er sich nicht überwinden.

Dabei wäre Hoffman wahrscheinlich besser gefahren, wenn er sich eher getraut hätte, seine Regie-Streitigkeiten mit Sidney Pollock beim Dreh von Tootsie sind legendär und haben ihm neben dem Label des “Regieversagers” auch noch den Ruf eingebracht, kompliziert zu sein.

Dass der Schauspieler tatsächlich immer komplizierter wurde, fiel auch seiner Frau auf: In den vier vergangenen Jahren hatte Hoffman fast keine Rolle mehr angenommen, weil ihm Drehbuch, Regisseur oder Besetzung nicht zusagte. Seine Frau drängelte, Hoffman begann sogar eine Therapie, und sein Agent hat seine Absage zur Regie bei Quartett einfach nicht akzeptiert.

Vielleicht hat er die Regie bei “Quartett” nur übernommen, weil seine Frau ihn genügend genervt hat, vielleicht hat er die Chance genutzt, nach der altersgeschuldeten Abnahme großer Rollen in Hollywood (die auch der immer schon jünger wirkende Hoffman ab seinem 60. Lebensjahr hinnehmen musste) noch einmal im Rampenlicht zu stehen? Auch wenn ihn keinerlei Eitelkeit getrieben hat, wollte der talentierte Enthusiast sicher gerne noch arbeiten, und wenn er nun vor allem als Nebendarsteller auftreten sollte, hatte er vielleicht wenig Lust, diesen erfahrungsgemäß eher rudimentär ausgearbeiteten Hollywood-Rollen ohne angemessene Würdigung und Bezahlung Leben und Niveau einzuhauchen.

Vermutlich kommen wir dem Rätsel der Bekehrung zur Regie am Nächsten, wenn wir annehmen, dass Hoffman sich nun endlich an die Regiearbeit herangewagt hat, um weiter qualitätvolle Arbeit abliefern zu können.

Und genau das hat er getan: Die gesamte Umsetzung ist witzig und britisch und temporeich, die glaubhaft übermittelte Liebe zur Musik gibt den alten Menschen einen Lebenssinn und der manchmal etwas pointenüberlasteten Rahmenhandlung Halt, und wenn Sie in anderen Kritiken von zu viel “romantischer Verklärung” lesen oder bemängelt finden, dass der drohende Tod nicht in voller Härte thematisiert wird, stören Sie sich nicht daran – wahrscheinlich verfügt der jeweilige Kritiker noch über die ganze Ignoranz der Jugend, und wenn Sie bereits aus dem Teenageralter herausgewachsen sind, werden Sie diesen Film intelligent und unterhaltsam finden, auch wenn sich die Opernsänger nicht vor Ihren Augen in Blut oder Todesqualen suhlen.

Hoffman sagte in einem Interview zu seinem Regiedebüt: “Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie wichtig für uns die Dinge sind, die wir gerne tun. Und dass es nicht nur darum geht, was am Ende dabei herauskommt.” (www.zeit.de/2013/02/Dustin-Hoffman-Quartett-Kinofilm/seite-3). Erwähnten Kritikern sollte man wohl wünschen, dass sie sich einer solchen Erkenntnis etwas eher nähern als er.

“Quartett” ist am 24. Januar 2013 in den deutschen Kinos gestartet, mehr Informationen zu diesem und Ausschnitte aus diesem lohnenswerten Film finden Sie auf www.quartett-derfilm.de.

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Lina Sahne

Moderatorin und Autorin bei Kunstplaza
Passionierte Autorin mit regem Kunstinteresse

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  • Joachim Vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Das fre
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